Pflege und BerufFehlende Vereinbarkeit verschärft Personalmangel
Rechnungen der Bertelsmann Stiftung und Prognos zeigen: 2045 werden 13 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter ein Familienmitglied pflegen. Die Politik muss rechtzeitig vorsorgen.
„Die Zahlen zeigen, dass die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf nicht nur eine anhaltende Herausforderung ist. Sie wird sich in Zukunft weiter verschärfen“, betonte Andreas Hemsing, zweiter Vorsitzender des dbb und Fachvorstand Tarifpolitik sowie Mitglied im unabhängigen Beirat zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, am 21. Oktober 2026. Denn wenn Beschäftigte ihre Erwerbstätigkeit einschränken oder einstellen, um Pflegearbeit leisten zu können, entstehen für sie finanzielle Nachteile – im Einkommen wie in der Rente.
Entgeltersatzleistungen und flexible Arbeitszeitmodelle
Schon jetzt bedarf es daher besserer Rahmenbedingungen für die Pflegenden, forderte Hemsing: „Die Einführung einer Entgeltersatzleistung als Familienpflegegeld, analog zum Elterngeld, ist zwingend erforderlich.“ Der dbb fordere das schon seit Jahren. 2025 hatte sich Bundesfamilienministerin Karin Prien für die Ersatzleistung ausgesprochen, seitdem war aber nichts passiert.
Darüber hinaus sollen flexible Arbeitszeitmodelle ausgebaut werden: „Pflegende müssen die Möglichkeit erhalten, neben der Pflege eines An- oder Zugehörigen weiter erwerbstätig zu bleiben“, so der dbb-Vize. In vielen Fällen könne Telearbeit die Pflegenden merklich entlasten.
Aus Sicht von Hemsing würden auch die Arbeitgeber von einer besseren Vereinbarkeit profitieren: „Aufgrund der Pflegesituation werden sonst viele Pflegende dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen. Wenn die Arbeitgeber und Gesetzgeber ihren Aufgaben nicht nachkommen, wird es in den nächsten Jahren zur erheblichen Abnahme dringend benötigter Erwerbstätigen kommen.“ Das würde auch den Arbeitskräftemangel weiter verstärken.
Überwiegend Frauen betroffen
Milanie Kreutz, stv. dbb-Bundesvorsitzende und Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung, ergänzte: „Aktuell machen Frauen einen Anteil von zwei Dritteln bei den pflegenden Angehörigen aus. In den nächsten 20 Jahren wird dieser Anteil auf knapp drei Viertel ansteigen. In absoluten Zahlen sind das fast 600.000 Frauen, die weniger oder gar nicht mehr erwerbstätig sein können.“ Deshalb sei die Vereinbarkeit und gerechte Aufteilung der Pflegearbeit auch eine Frage der Gleichstellung.
Gerade die informelle Pflege, also die Betreuung pflegebedürftiger Personen durch Familienmitglieder, Freunde oder Nachbarn ohne formale Ausbildung, stelle eine tragende Säule im Pflegebereich dar. „Es kann nicht sein, dass Frauen, die den Großteil dieser unverzichtbaren Arbeit schultern, durch genau diese Arbeit schlechtere Aussichten in Sachen Einkommen und Rente haben“, unterstrich Kreutz. Die informelle Pflege müsse deswegen im öffentlichen und politischen Diskurs viel stärker vorkommen. Denn: „Auch unbezahlte Pflegearbeit ist Arbeit.“

