„Der öffentliche Dienst hat an Attraktivität verloren“

Interview mit der stellvertretenden dbb Bundesvorsitzenden Astrid Hollmann in der Rheinpfalz vom 08. Januar 2016.

 

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise, die vielerorts für zusätzliche Arbeit sorgt, zeigt sich, dass der öffentliche Dienst in vielen Bereichen an personelle Grenzen stößt. Vor der am Montag beginnenden Jahrestagung von Beamtenbund und Tarifunion (DBB) sprach Ralf Joas darüber mit der stellvertretenden DBB-Bundesvorsitzenden Astrid Hollmann.

 

Frau Hollmann, laut Beamtenbund fehlen im Staatsdienst rund 180.000 Mitarbeiter. Gibt es nicht genügend Interessenten oder ist dieser Mangel Folge der staatlichen Sparpolitik?

 

Astrid Hollmann: Es ist eine Mischung aus beidem, wobei die Sparpolitik die Hauptrolle spielt. Nicht zuletzt mit Blick auf die künftige Schuldenbremse wurden Stellen abgebaut, wurde der gesamten Stellenplan zurückgefahren. In den kommenden 15 Jahren werden 1,5 Millionen Mitarbeiter aus dem öffentlichen Dienst ausscheiden. Neu hinzukommen sollen 800.000, es wird sich also ein Lücke von 700.000 Mitarbeitern auftun – und zwar für einen Staat, der schon heute nur noch auf Sparflamme funktioniert, der dem Bürger nur ein Mindestmaß an Leistungen bietet. Wenn ich mir dann anschaue, was wir jetzt schon an Arbeitsbelastung haben und was an Mehrbelastung durch die Flüchtlingssituation noch hinzukommt, dann werden noch mehr Beschäftigte fehlen.

 

Dann muss eben vermehrt eingestellt werden.

 

So einfach ist das nicht. Denn in vielen Bereichen wurden auch die Ausbildungsplätze eingespart. Das führt jetzt dazu, dass die Behörden sich die ausgebildeten Kräfte gegenseitig wegschnappen. Hinzu kommt das sinkende Interesse junger Menschen am öffentlichen Dienst. Der hat im schärfer werdenden Wettbewerb mit der Wirtschaft an Attraktivität verloren.

 

Machen Sie doch einmal ein bisschen Werbung und nennen drei Gründe, weshalb ein junger Mensch heutzutage eine Laufbahn im öffentlichen Dienst einschlagen sollte.

 

Der wichtigste Grund ist, dass jemand gerne für diesen Staat arbeiten möchte. Nicht zu unterschätzen sind, zweitens, die relativ guten Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst – auch wenn wir an dieser Stelle noch nicht gut genug sind. Und das Dritte (zögert) sind die Perspektiven, die der öffentliche Dienst bietet. Also nicht nur die Sicherheit des Arbeitsplatzes, sondern auch die Möglichkeit, sich in einem Beruf langfristig zu entfalten, aufzusteigen, und die Chance, Beruf und Leben gut miteinander zu vereinbaren. Das ist ja etwas, was der jungen Generation besonders wichtig ist.

 

Apropos sicherer Arbeitsplatz: In den letzten Jahren wurden jungen Menschen gerade im öffentlichen Dienst häufig nur noch befristete Arbeitsverträge angeboten. Hat sich das angesichts der von Ihnen beschriebenen Konkurrenzsituation geändert?

 

Bisher noch nicht. Das Absurde dabei ist: Der Staat will sich mit solchen Befristungen flexibel machen, erreicht aber das Gegenteil, denn die jungen Leute, die etwa eine Familie gründen wollen, brauchen eine finanzielle und damit berufliche Sicherheit. Wenn sie die in der privaten Wirtschaft mittlerweile besser bekommen als im öffentlichen Dienst, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die jungen Menschen nicht mehr zu uns kommen.

 

Sie haben auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erwähnt. Da galt der öffentliche Dienst lange Zeit als Vorreiter. Ist das immer noch so?

 

Viele Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst erweisen sich gerade für Eltern als positiv. So ist es möglich, aus familiären Gründen in Teilzeit zu gehen. Oder frei zu nehmen, wenn ein Kind erkrankt ist. Aber die freie Wirtschaft holt auch hier auf. Und für Frauen sind mittlerweile neben solchen Faktoren auch andere Dinge wichtig, etwa die Bezahlung. Da gibt es nach wie vor geschlechtsspezifische Unterschiede.

 

Aber die gibt es doch auch in der privaten Wirtschaft.

 

Richtig, der Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen liegt dort bei 22 Prozent, im öffentlichen Dienst immer noch bei acht Prozent. Eine Ursache dafür sind Strukturen, die es Frauen nicht ermöglichen, sich beruflich weiterzuentwickeln. Solche und andere Hürden werden in der Privatwirtschaft gerade abgebaut, da bewegt sich etwas. Nachholbedarf hat der öffentliche Dienst zudem bei der Bewertung von Berufen, beispielsweise im sozialen Bereich, wo überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten. Auch bei den Beurteilungskriterien, die wichtig sind für das Fortkommen der Mitarbeiter, gibt es noch diskriminierende

Elemente.

 

Sie selbst gehören der Bundesleitung Ihrer Gewerkschaft seit 2007 an. Sie sind gleichwohl nach wie vor die Jüngste und eine von zwei Frauen in dem neunköpfigen Gremium. Hat auch der Beamtenbund an seiner Spitze Nachholbedarf in Sachen Frauen und Nachwuchs?

 

Als ich vor 15 Jahren in die Gewerkschaft eingetreten bin, gab es gute Gründe, warum ich das bis dahin nicht getan hatte. Aber das Klischee von rauchenden Männern, die am Abend beim Bier zusammensitzen und Entscheidungen treffen, habe ich weder im Beamtenbund noch in meiner Fachgewerkschaft, der Mediengewerkschaft VRFF, bestätigt gefunden. Aber es war 2007 schon ungewöhnlich, dass mit Kirsten Lühmann und mir zwei vergleichsweise junge Frauen

in die Bundesleitung gewählt wurden. Und ich gebe zu, dass es auch bei uns für Frauen noch Hürden gibt.

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