dbb BildungsgewerkschaftenSchulbarometer zeigt psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen
Die Ergebnisse der Schülerinnen- und Schülerbefragung des Deutschen Schulbarometers der Robert Bosch Stiftung liefern einen ernüchternden Befund: 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen zeigen psychische Auffälligkeiten – ein leichter, aber signifikanter Anstieg gegenüber dem Vorjahr (21 Prozent) und erstmaliger Anstieg seit der Pandemie.
Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), sagte dazu am 18. März 2026: „Die Ergebnisse sind beunruhigend. Psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen steigen an, ganz besonders bei Kindern aus einkommensschwachen Familien. Davor darf Politik nicht die Augen verschließen. Armut ist ein zentrales Hemmnis von Bildungsgerechtigkeit. Deshalb müssen gerade einkommensschwache Familien weiter finanziell entlastet und Schulen besser dafür ausgestattet werden, armutsbetroffene Kinder zu fördern.“
Wohlbefinden werde zudem durch Unterrichtsqualität unterstützt und steht in engem Zusammenhang mit der Möglichkeit von Partizipation. Während Schülerinnen und Schüler sich mehr Partizipation wünschen, hielten die Lehrkräfte in einer vergangenen Umfrage die vorhandenen Möglichkeiten größtenteils für ausreichend. Der Bundesvorsitzende erklärt: „Demokratie lernt man nicht mit dem Lehrbuch, sondern durch das Tun. Allerdings werden nicht alle Partizipationsmöglichkeiten als solche eingeführt. Es ist daher möglich, dass Lehrkräfte öfter Wahlmöglichkeiten eröffnen, als es den Schülerinnen und Schülern bewusst ist. Zudem stehen wir immer wieder vor der Situation, dass dem Personal die Zeit fehlt. Unter dem Druck voller Lehrpläne und dem gesellschaftlichen Anspruch an Schule, bleibt dann das Miteinander auf der Strecke. Das haben aber nicht die Lehrkräfte zu verantworten, sondern die Politik. Die Fachkräfte können nicht ausgleichen, was an Ressourcen fehlt.“
Die von den Lernenden wahrgenommene konstruktive Unterstützung durch ihre Lehrkräfte ist der mit Abstand stärkste positive Einflussfaktor auf das schulische Wohlbefinden – er allein erklärt über 40 Prozent der messbaren Unterschiede. Je wertschätzender und unterstützender Lehrkräfte wahrgenommen werden, desto besser geht es den jungen Menschen. „Feedback, individuelle Hilfestellungen, emotionale Begleitung und die Schaffung eines positiven Klassenklimas sind Kernbestandteile professionellen Unterrichtens von gut aus- und fortgebildeten Lehrkräften“, so Susanne Lin-Klitzing, die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes (DPhV). Die Studie gibt ihr Recht: Guter Unterricht, der Lernleistungen fördert und das Wohlbefinden stärkt, beinhaltet keinen Widerspruch, sondern beides gehört zusammen, bedarf aber aktuell und strukturell mehr Ressourcen.
Solche strukturellen Baustellen zeigt das aktuelle Schulbarometer auf. So offenbart sich eine erhebliche Versorgungslücke: Nur an etwa drei Viertel aller Schulen sind Angebote der Schulsozialarbeit und Schulpsychologie vorhanden – der tatsächliche Bedarf wird von Schulleitungen auf das Doppelte geschätzt. Der DPhV fordert daher flächendeckend psychologisch geschultes Fachpersonal an jeder Schule. Lin-Klitzing: „An jede Schule gehört ein Schulpsychologe! Psychisch belastete Schülerinnen und Schüler brauchen professionelle Unterstützung und Lehrkräfte brauchen verlässliche Partner aus der Schulsozialarbeit. Damit Lehrkräfte weiterhin qualitativ hochwertigen Unterricht geben können, fordern wir erneut eine Absenkung des Stundendeputats, insbesondere für ältere Kolleginnen und Kollegen, sowie ein sofortiges Ende der in immer mehr Ländern praktizierten Streichung von Altersermäßigungen!“
Für den Verband Deutscher Realschullehrer (VDR) ist ebenfalls klar: Die Politik darf dies Alarmsignale nicht länger ignorieren. „Die Zahlen sind ein schriller Weckruf. Schule ist nicht nur Lernort, sondern auch Lebensraum – und dieser Lebensraum gerät für viele junge Menschen zunehmend unter Druck“, erklärte VDR-Chef Ralf Neugschwender. Schule habe einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern. Gute Beziehungen zu Lehrkräften, ein positives Klassenklima und qualitativ hochwertiger Unterricht wirken stabilisierend und stärkend.
Daraus ergibt sich aus Sicht des VDR ein klarer Handlungsauftrag an die Bildungspolitik in Bund und Ländern. „Lehrkräfte leisten täglich Enormes, aber sie stoßen immer häufiger an ihre Grenzen“, mahnt Neugschwender. „Wer von Schulen erwartet, dass sie sowohl Bildungserfolg sichern als auch psychische Stabilität fördern, muss ihnen auch die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen. Denn Beziehungsarbeit braucht Zeit.“


