die Verwaltungen und Amtsträger vor Ort. Wenn Städte und Gemeinden zunehmend zu Vollzugsinstanzen komplexer Regelwerke werden, die an der Realität vor Ort vorbeigehen – dann wird das von den Menschen nicht als Umsicht, sondern als Scheitern des Staates interpretiert. Für den Bestand unseres Gemeinwesens bringt das unübersehbar Gefahren mit sich. Statt immer neuer Vorgaben, Verfahren und Anforderungen von Bund und Ländern, verbunden mit immer neuen Aufgaben, benötigen die Kommunen Freiräume, um selbst entscheiden zu können, wer was wann mit welchen Ressourcen zu tun imstande ist. So sieht es auch Michael Higl (CSU), seit 2008 Bürgermeister von Meitingen im Landkreis Augsburg sowie stellvertretender Landrat. Seine Analyse ähnelt der der jungen Bürgermeister*innen. „Gebt uns mehr Spielraum, um eure politischen Entscheidungen in die Praxis umzusetzen“, äußerte er im Juli 2026 gegenüber der „Augsburger Allgemeinen“. „Und gebt uns unkompliziert die nötigen finanziellen Mittel dafür. Wenn Sie als Bürgermeister heute eine staatliche Förderung beantragen wollen, kriegen Sie teilweise Anforderungskataloge mit, die so viel Arbeit machen, dass man sich manchmal fragt, ob sich das überhaupt noch lohnt. Also bitte mehr Vertrauen in die Kommunen!“ Selbst verwalten Komplexität, so zeigt sich, bremst die Zukunftsfähigkeit. Sie engt die Kommunen im Umgang mit ihren Kernaufgaben ein und bürdet ihnen die Bewältigung anderer auf, für die sie weder gedacht noch ausgestattet sind. Wenn Erfolg sich an Verfahren und der Einhaltung von Regeln bemisst statt an deren Wirkung, dann läuft ebenfalls etwas schief. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die Wirkung entscheidet über den Erfolg. Der im Positionspapier des Netzwerks junger Bürgermeister*innen geforderte Perspektivwechsel ist daher grundlegend: weg von der Logik immer neuer Förderprogramme und kleinteiliger Fördermittelverfahren, die in den Kommunalverwaltungen Ressourcen binden, die nicht mehr vorhanden sind und in Zukunft auch nicht mehr zur Verfügung stehen dürften, hin zu einem Mehr an freien Mitteln und verlässlicher Finanzierung. Dafür ist nicht mehr Geld nötig. Es muss nur anders verwendet werden (dürfen). Und zwar so, wie es den Bedürfnissen der jeweiligen Kommune entspricht. Weg von 16 und mehr unterschiedlichen Lösungen für identische Probleme hin zu gemeinsamen Verwaltungsstandards in zentralen Fragen, die deutschlandweit gelten. Das erfordert Mut zur Vereinfachung, trüge aber zur Entlastung der Kommunen und zur Beschleunigung des Verwaltungshandelns bei. Ein Kommunalcheck soll außerdem sicherstellen, dass neue Gesetze, Verordnungen und Regelungen vor Erlass systematisch auf ihre Umsetzbarkeit sowie die Folgekosten auf kommunaler Ebene hin geprüft werden. Weg von Kontrolle als Steuerungsprinzip kommunalen Handelns hin zu Vertrauen. Kommunen müssen experimentierfreudig sein dürfen, wenn sie neue Lösungen erproben, ohne neue bürokratische Fesseln angelegt zu bekommen. 64,2 Prozent der Befragten sehen unnötigen Verwaltungsaufwand durch Berichts-, Dokumentations- und Nachweispflichten verursacht. 58,8 Prozent machen Planungs- und Genehmigungsverfahren dafür verantwortlich. Mit der Verwaltungsmodernisierung einher geht das Thema Digitalisierung. Beides zusammen ist im kommunalen Stimmungsbarometer das einzige größere Thema, das gegenüber dem Vorjahr an Bedeutung gewinnt. „Informationen sind vorhanden, werden aber nicht genutzt“, heißt es dazu im Positionspapier. „Prozesse, die technisch möglich sind, werden blockiert. Entscheidungen wären automatisierbar, bleiben aber manuell.“ Im Sinne eines zukunftsfähigen Staates, der absehbar mit weniger Geld und weniger Personal auskommen muss, schafft die Digitalisierung mithin die Grundvoraussetzung, damit er weiterhin seine Aufgaben verlässlich erfüllen kann. Zukunftspakt von Bund, Ländern und Kommunen In die für den Herbst 2026 avisierten Beratungen der Bundesregierung über einen Zukunftspakt zwischen Bund, Ländern und Kommunen sollten die hier angerissenen Fragen einfließen. Dass der Blick auf den nächsten Haushalt als Bewältigungsstrategie nicht mehr reicht – mit dieser Erkenntnis stehen die jungen Bürgermeister*innen nicht allein. Inwieweit sich ihre Forderung nach einer Staatsmodernisierung durchsetzt, wird sich zeigen. Ob diese wie von ihnen als Generationenaufgabe begriffen wird, auch. Maren Busch, Bürgermeisterin in Diez, hofft darauf, denn „unsere Generation, die heute Verantwortung in den Rathäusern trägt, wird mit den Folgen des Zukunftspakts noch jahrzehntelang leben“. 76 Prozent der Befragten haben das Bürgermeisteramt 2026 als ihren „Traumjob“ bezeichnet. 65 Prozent sind „eigentlich zufrieden“. Das ist ein hohes Gut. Von Menschen wie ihnen und all den Mitarbeitenden der kommunalen Verwaltung lebt die kommunale Selbstverwaltung – das Herzstück der Demokratie. Andrea Böltken Die Ergebnisse des kommunalen Stimmungsbarometers 2026 lassen sich hier nachlesen: t1p.de/junge_buergermeister. Die Bertelsmann Stiftung kommt in ihrem „Kommunalen Finanzreport 2026“ zu ähnlichen Empfehlungen: t1p.de/1dt0h. Webtipps © Erdacht mit KI/OpenAI (2) FOKUS 19 dbb magazin | Oktober 2026
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