FRAUEN Aktionstag Wahlrechtsreform nur mit Parität Der Platz der Republik in der Berliner Mittagssonne. Bäume gibt es nur am Rand, die Sonne brennt mit 31 Grad auf den Rasen. Dennoch hat sich an diesem 24. Juni 2026 eine große Gruppe vor dem Reichstagsgebäude versammelt, um der Politik noch mehr einzuheizen. Aufgerufen zu der Aktion hatte das über 100 Mitglieder starke Bündnis „Parität Jetzt!“, dem auch die dbb frauen angehören. Vertreterinnen und Vertreter des Bündnisses übergaben eine Petition mit der Forderung eines paritätischen Wahlrechts an die Bundestagsvizepräsidentin Josephine Ortleb. Milanie Kreutz, Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung und stellvertretende dbb-Bundesvorsitzende, erklärt gegenüber dem dbb magazin: „Es geht um eine gesetzliche Garantie, dass Frauen wie Männer im Deutschen Bundestag an politischen Debatten und Entscheidungen teilhaben können. Demokratie braucht die Stimmen der Frauen.“ Denn gerade bei den aktuellen Reformen werde sichtbar, dass Frauen zwar von jeder einzelnen Reform betroffen sind, aber kaum in den Entscheidungsprozess eingebunden wurden. „Vom Elterngeld bis zum Unterhaltsvorschuss: Überall dort, wo über die Schicksale von Frauen diskutiert und entschieden wird, müssen sie in gleicher Menge am Tisch sitzen. Ich will nicht, dass es dazu führt, dass Frauen der Regierung den Rücken zuwenden, weil sie sich nicht verstanden fühlen.“ Frauen sind im Bundestag stark unterrepräsentiert: Derzeit sind es 32,4 Prozent, Tendenz sinkend. Und in den Landesparlamenten und Kreistagen sieht es nicht besser aus. „Das ist hochproblematisch“, betont Kreutz. „Frauen haben dadurch weniger Chancen, im Parlament ihre Lebensrealität zu vertreten, ihre Erfahrungen einzubringen und über ihr Leben zu entscheiden.“ Dabei ist die Gleichberechtigung der Geschlechter eigentlich Verfassungsauftrag. Im Grundgesetz heißt es: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ (Art. 3 Abs. 2 GG) Für den Bundestag, der in seinem fast 80-jährigen Bestehen nie über einen Frauenanteil von 38 Prozent hinausgekommen ist, scheine das jedoch nicht zu gelten, kritisiert die dbb frauen-Chefin. Auch Valentina van Dornick, Beisitzerin der dbb frauen, machte sich bei der Aktion für Parität stark. Für sie sei Parität keine Frage von Symbolpolitik, sondern von demokratischer Gerechtigkeit: „Solange Frauen nicht gleichberechtigt an politischen Entscheidungen beteiligt sind, bleibt unsere Demokratie hinter ihren Möglichkeiten zurück. Deshalb dürfen wir nicht nachlassen, für echte Teilhabe einzutreten“, erklärt sie. Kreutz wies darauf hin, dass große gleichstellungspolitische Ziele wie die Parität nur fraktions- und parteiübergreifend entschieden werden können: „Die Parteien müssen sich auf den Weg machen und an den gesetzlichen Strukturen genauso wie an der Besetzung der Wahlkreise arbeiten. Parität muss den Spagat zwischen den Direktmandaten und Listenmandaten schaffen. Wir wissen aber aus anderen EU-Ländern, dass Parität möglich ist und funktioniert.“ Die Veranstaltung erinnerte daran, dass Gleichberechtigung nie selbstverständlich war und auch heute nicht selbstverständlich ist. Viele Rechte, die Frauen heute besitzen, wurden über Jahrzehnte hinweg erkämpft. Besonders gewürdigt wurde während der Veranstaltung das Vermächtnis von Rita Süssmuth, die sich bis zuletzt mit großer Leidenschaft für die Parität in Parlamenten eingesetzt hat. „Ihr Engagement steht beispielhaft für den langen Weg, den Frauen für mehr Gleichberechtigung gegangen sind“, machte Milanie Kreutz deutlich. „Dieser Einsatz bleibt auch künftig notwendig.“ Auch einige Abgeordnete hatten sich an diesem heißen Sommertag an der Aktion beteiligt. Von dbb-Seite bekamen die dbb frauen Unterstützung von der dbb jugend. Deren Vorsitzender Matthäus Fandrejewski sprach sich ebenfalls für Parität aus: „Frauen stellen die Hälfte unserer Gesellschaft, sind politisch aber noch immer nicht gleich vertreten. Für echte Teilhabe braucht es verbindliche Regeln. Denn Gleichberechtigung darf nicht vom guten Willen abhängen.“ Parität sei auch ein Mehrwert für Männer, betonte er. „Junge Männer sehen Gleichstellung mittlerweile als Gewinn. Wir haben inzwischen viele junge Männer, für die Feminismus etwas Erstrebenswertes ist.“ dsc © dbb frauen 32 INTERN dbb magazin | Juli/August 2026
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