dbb magazin 7-8/2026

den. Den bekamen bisher alleinerziehende Mütter mit Kindern bis 18 Jahren, bei denen der Vater keinen Unterhalt zahlt. Das Alter soll jetzt auf 16 Jahre herabgesetzt werden. Wer von denen, die am Referentenentwurf saßen, ist denn selbst eine alleinerziehende Mutter, die keinen Unterhalt bekommt? Das ist eine riesige Bevölkerungsgruppe. Und die Frauen bekommen mit, dass die Politik sie abhängt. Kinder zu bekommen darf nicht zur Armutsfalle werden – genau das befürchten aber viele Frauen und überlegen sich zweimal, ob sie Kinder bekommen wollen. Klitzing: Seit Bestehen der Bundesrepublik müsste es eigentlich selbstverständlich sein, Mütter über eine steuerfinanzierte Leistung – Stichwort Mütterrente – für die Zeit zu entschädigen, in der sie dem Arbeitsmarkt aufgrund von Erziehungszeiten nicht zur Verfügung stehen konnten. Ein Großteil der pflegenden Angehörigen ist weiblich, vier Fünftel der Pflegebedürftigen sind 65 und älter. Pflege und Beruf müssen besser miteinander vereinbart werden. Welche Lösungen schlagen Sie vor? Klitzing: Der Großteil der Pflege findet zu Hause statt. Wir haben es immer noch nicht geschafft, einen Weg zu finden, um diese Care-Arbeit der Frauen ausreichend zu honorieren. Andere Länder wie Dänemark sind dort wesentlich weiter und sehen das als gesellschaftliche Aufgabe. Die Pläne der Pflegereform benachteiligen jedoch erneut gerade pflegende Angehörige, und das darf nicht gesellschaftlicher Konsens sein. Hier werden Ressourcen grundsätzlich falsch verteilt. Kreutz: Wir müssen das Rentensystem reformieren. Ich merke selbst, wie unser Land altert. Die Frage muss also lauten: Wie können wir die Älteren so lange wie möglich mobil halten, damit sie an der Gesellschaft teilhaben können? Ältere Menschen sagen oft, dass sie ihren Kindern nicht zur Last fallen wollen. Deshalb möchten viele so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben und nicht frühzeitig in ein Pflegeheim ziehen. Dafür brauchen wir nicht nur eine gute Pflege-Infrastruktur, sondern auch seniorengerechte Kommunen. Das fängt bei abgesenkten Bordsteinen an und hört bei barrierefreiem Wohnraum noch lange nicht auf. Müssen wir vielleicht von Grund auf Wohnungen für alle Generationen bauen? Denn seniorengerecht ist letztlich auch familienfreundlich: Ältere Menschen bleiben länger selbstständig, mobil und aktiv am gesellschaftlichen Leben beteiligt. Davon profitieren alle. Und jedes Jahr, in dem Angehörige nicht selbst Pflege leisten müssen, schafft Freiräume – auch für Berufstätigkeit und die eigene Altersvorsorge. Mit höheren Teilzeitquoten und mehr Sorgearbeit sind Frauen einem höheren Risiko für Altersarmut ausgesetzt. Welche Maßnahmen muss die Politik ergreifen? Kreutz: Die Zukunftsfrage ist, wie sich Pflege besser in der Rente widerspiegeln lässt und wie sich das Mindset in der Gesellschaft wandeln kann. In Schweden beispielsweise wird erwartet, dass sich beide Eltern um das Kind kümmern. Die Erfahrungen und Kompetenzen, die man in dieser Zeit erlernt, kann man auch im Job anwenden. Das wird dort positiv gesehen. In Deutschland wirst du gerade in der freien Wirtschaft schon komisch angeguckt, wenn du als Mann länger als zwei bis drei Monate in Elternzeit gehen willst. Es müsste eigentlich mehr Elterngeld für eine längere Zeit geben, wenn sich Mutter und Vater die Sorgearbeit fair aufteilen. Das Steuersystem muss ebenfalls reformiert werden. Was muss der Staat tun, um Chancengleichheit sicherzustellen? Fandrejewski: Er muss bei den jungen Menschen ansetzen! Der soziale Aufstieg ist in Deutschland schwer zu machen. Die Folgen von sozialer Benachteiligung spüren die Betroffenen ihr Leben lang. Arbeiterkinder haben es in Schule und Universität oft deutlich schwerer. Der Staat muss mehr unterstützen, damit alle den Anschluss finden: durch Ganztagsschulen, Nachmittagsbetreuung und soziale Unterstützungsangebote. Weiter geht es im Studium. Es ist fatal, wenn sich die Bundesforschungsministerin hinstellt und verkündet, die BAföG-Erhöhung nicht umzusetzen. In den Großstädten, in denen sich nun einmal viele der Hochschulen befinden, können sich viele junge Menschen das Leben nicht mehr leisten. Deshalb ist es längst überfällig, die monatliche BAföG-Wohnkostenpauschale zu erhöhen. Das wurde zwischenzeitlich alles auf „Hold“ gestellt, nun soll die versprochene Erhöhung erst zum Sommersemester 2027 kommen. Da muss man sich nicht wundern, wenn man manche Jugendliche an die politischen Ränder verliert. Klitzing: Ich bin mir der hohen finanziellen Belastungen bewusst, die die junge Generation heute und künftig trägt. Sie vergisst aber gerne, dass es früher für viele junge Menschen nicht anders war, und verklärt die Vergangenheit. Aber auch vor 60 Jahren konnten viele Menschen nie in den Urlaub fahren oder früh ein Matthäus Fandrejewski © Alex Habenicht 16 FOKUS dbb magazin | Juli/August 2026

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