Generationengerechtigkeit Alle müssen sich politisch vertreten fühlen Die demografische Entwicklung in Deutschland verursacht Verwerfungen, die sozialen Sicherungssysteme sind reformbedürftig, der soziale Kitt zwischen den Generationen bröckelt. Was muss passieren? Milanie Kreutz, Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung, Matthäus Fandrejewski, Vorsitzender der dbb jugend, und Horst Günther Klitzing, Vorsitzender der dbb bundesseniorenvertretung, diskutieren. Das Grundgesetz (GG) verpflichtet die Bundesrepublik zu einem gerechten Ausgleich der Generationen. Das beinhaltet die Verantwortung für künftige Generationen, den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen und des Sozialstaatsprinzips. Beamtinnen und Beamte sind auf das Grundgesetz vereidigt. Was bedeutet Generationengerechtigkeit aus Ihrer jeweiligen Sicht? Milanie Kreutz: Für mich erkennt man eine generationengerechte Gesellschaft daran, dass jede Generation faire Chancen hat. Das gilt unabhängig vom Geschlecht. Generationengerechtigkeit bedeutet, Entscheidungen in dem Bewusstsein zu treffen, dass sie Auswirkungen auf mehrere Generationen haben. Oftmals denkt die Politik nur in Legislaturperioden. Das macht es gerade für die jüngere Generation schwierig. Matthäus Fandrejewski: Mir geht es nicht darum, dass alle am Ende gleich viel haben müssen, sondern um die Frage, wie alle vergleichbare Startmöglichkeiten bekommen. Und da bestehen in Deutschland aktuell große Unterschiede, zum Beispiel mit Blick auf Bildung und Finanzen. Das Elternhaus und die soziale Herkunft spielen eine zu große Rolle. Der Staat muss für bestimmte Standards sorgen, für eine Basis, damit alle ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand nehmen und es nach ihren Vorstellungen gestalten können. Horst Günther Klitzing: Generationengerechtigkeit hat weniger mit Fairness und Gerechtigkeit, sondern vielmehr mit politischer Weitsicht zu tun. Im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft sollte die Politik Entscheidungen treffen, die allen Generationen gerecht werden und ihnen die Bedingungen ermöglichen, die ihnen zustehen. Ob die dann immer als gerecht empfunden werden, steht auf einem anderen Blatt. Das ist eng verbunden mit dem Gleichheitsgrundrecht. Das Problem: Seit es das Grundgesetz gibt, haben Frauen de facto eben nicht dieselben Chancen und Rechte wie Männer, und das gilt teilweise leider bis heute. Auch Altersdiskriminierung ist im Artikel 3 des GG bislang nicht enthalten, und damit ist unsere Gesellschaft noch nicht zu 100 Prozent generationengerecht aufgestellt. Gerät der Generationenvertrag, der die Lebensrealität über Jahrzehnte bestimmt hat, aus dem Takt? Klitzing: Der Begriff des Generationenvertrags, also der seit 1957 unausgesprochene solidarische Vertrag zwischen der beitragszahlenden und der Renten empfangenden Generation, ist heute nicht mehr als eine leere Floskel. Die Voraussetzungen, unter denen er einst gedacht war, sind heute nicht mehr erfüllt. Kreutz: Wir müssen uns anschauen, wie Gesetze wirken. Der Generationenvertrag, den uns unsere Eltern beigebracht haben, funktioniert nicht mehr. Wir haben überall beitragsgesteuerte Systeme, ob das die Krankenkasse, die Rente oder die Pension ist. Aber es gibt mittlerweile viel weniger Einzahlende als Nutzende. Die Generationengerechtigkeit verschiebt sich. Wer ist noch in der Lage, mehr zu tragen, um Schwächere vielleicht zu entlasten? Inwiefern tragen auch Gewerkschaften zur nachhaltigen Fortentwicklung der Gesellschaft bei? Klitzing: Ihnen kommt eine wichtige Rolle zu. Historisch betrachtet haben Gewerkschaften immer dann gepunktet, wenn sie etwas für die Beschäftigten erreicht haben. Auch unter KonzentraMilanie Kreutz © Jan Brenner 14 FOKUS dbb magazin | Juli/August 2026
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