Digitalisierung in Europa Abschied von alten Gewissheiten Mit einem besonderen Fokus auf die Digitalisierung der Behörden in Deutschland und die europäische Ebene blickt Dorian Wachsmann vom Kompetenzzentrum Öffentliche IT am FraunhoferInstitut auf die digitale Souveränität Europas. Digitale Souveränität ist zu einem zentralen Leitbegriff europäischer Digitalpolitik geworden. Worin bestehen die häufigsten Missverständnisse in der politischen Debatte? Im Kern geht es darum, sich frei und selbstbestimmt – also: souverän – in der gesamten digitalen Welt bewegen zu können. Damit das gelingt, müssen von der Kompetenz der Einzelnen über Strategien zur verstärkten Autonomie von Organisationen wie Wechselfähigkeit bis zu den wirtschaftlichen Grundlagen in Deutschland und Europa verschiedene Herausforderungen adressiert werden. In der Diskussion werden jedoch mitunter einzelne Aspekte wie die europäische Chipproduktion oder Lösungsansätze wie Open Source sehr isoliert betrachtet, statt als eine Maßnahme in einem größeren Zielbild verstanden zu werden. Eine Verkürzung der Diskussion führt dann mitunter zu kurzsichtigen und wenig realistischen Lösungsvorschlägen, die mehr mit Protektionismus und Abschottung statt mit strategischer Autonomie und Souveränität zu tun haben. Welche Bedeutung hat digitale Souveränität für die Handlungs‑, Steuerungs‑ und Leistungsfähigkeit öffentlicher Verwaltungen in den EU‑Mitgliedstaaten und im föderalen Deutschland? Vor dem Hintergrund der sich verändernden geopolitischen Lage hat das Thema eine neue Dimension bekommen. Selbst ein Ausfall von zentralen Systemen wäre heute denkbar. Die Handlungsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung wäre dabei – oder auch schon beim Ausbleiben beständiger Software-Updates – in kürzester Zeit massiv bedroht. Die Folgen wären schwer abzusehen, aber sicherlich weder für das Gemeinwesen noch für das ohnehin schon schwindende Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates förderlich. Dies beträfe alle föderalen Ebenen gleichermaßen. Auch wenn ein solches Worst-Case-Szenario weiterhin unrealistisch ist, ist allein die theoretische Möglichkeit Grund genug, sich souveräner aufzustellen. Dafür muss man sich auch von alten Glaubenssätzen und scheinbaren Gewissheiten verabschieden. So wurden Softwarelösungen von Big Tech lange Zeit in ihrer Qualität als alternativlos wahrgenommen und zum De-factoStandard aller Verwaltungsebenen. Das steigert die Kosten für den Umstieg auf anders aussehende, aber ebenfalls leistungsfähige Lösungen zusätzlich. Deutschland gilt im europäischen Ver‑ gleich weiterhin als Nachzügler bei der Verwaltungsdigitalisierung. Es be‑ stehen erhebliche Abhängigkeiten von außereuropäischen IT‑Anbietern … Eine gemeinsame Ursache für schleichende Digitalisierung und Abhängigkeit sind sicherlich die starken Pfadabhängigkeiten. Bestehende Systeme auszutauschen, ist in der komplexen Infrastruktur gerade bei älteren Lösungen schwierig. Nachdem Studien massive Abhängigkeiten der öffentlichen Verwaltung in zentralen Bereichen des Software-Stacks aufgezeigt haben, hat der IT-Planungsrat als zentrales Steuerungsgremium von Bund und Ländern ein Strategiepapier veröffentlicht, das Ziele und Maßnahmen digitaler Souveränität festlegt. Dass sich auch recht schnell Grundlegendes ändern lässt, zeigt das Beispiel Schleswig-Holstein: Das Land hat sich klar zu Open Source bekannt und vollzieht derzeit den Umstieg. Andere Länder wie Berlin wollen nachziehen. Auch die Städte engagieren sich: München hat einen Souveränitätscheck vorgestellt, mit dem sich Abhängigkeiten in der Verwaltung einfach identifizieren lassen sollen. Als Hürde bleibt, dass die Umstellung eine Kraftanstrengung auf vielen politischen und administrativen Ebenen bleibt. Dabei muss darauf geachtet werden, sich mit den neuen Lösungen nicht in ähnlich starke Abhängigkeiten zu begeben. Was müssen wir besser machen? Aus den aktuellen Bestrebungen sollte bestmöglich gelernt werden, um sie zu einer Art Blueprint für digitale Souveränität weiterzuentwickeln, die dann Ländern und Kommunen als Orientierung bereitgestellt wird. Die Umsetzung des Umstiegs auf Open Source in Schleswig-Holstein sehe ich da als leuchtendes Beispiel. Die öffentliche Verwaltung sollte zu einem Ankerkunden europäischer Lösungen werden. Für die strategische Ebene bedeutet das: Anstelle europäisch zu fördern, aber weiterhin bei Big Tech einzukaufen, sollte digitale Souveränität stärker in die Beschaffung direkt einbezogen werden. Das komplette Interview: dbb.de/dbb-europathemen _ Dorian Wachsmann © Marc Frommer/Fraunhofer FOKUS INTERN 31 dbb magazin | Juni 2026
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