„Einer der ersten Schritte, die wir gehen müssen, ist, in dezentrale europäische Alternativen zu investieren.“ Digitalen Rückstand aufholen Tyson Barker, US-amerikanischer Senior Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, riet den Europäern zu mehr Pragmatismus und Entschlossenheit im globalen Wettbewerb: „Wo sind die digitalen Champions der EU und wie können wir sie bestmöglich fördern?“ In der Konkurrenz mit den USA und China muss die EU gleichzeitig die eigenen Regeln ernst nehmen, die digitale Wertschöpfung im Binnenmarkt fördern, globale Partner suchen und strategische Abhängigkeiten abbauen. „Gerade die gemeinsame Beschaffung wird dabei in Zukunft zentral sein. Die Europäer müssen pragmatisch ihre nationalen Standards anpassen und so die Kooperation bei Entwicklung und Produktion intensivieren.“ Dann, so Tyson Barkers Hoffnung, lässt sich jeder digitale Rückstand aufholen: „Es ist nie zu spät für Innovation, und keine IT-Plattform ist je zu groß, um ihr erfolgreich Konkurrenz zu machen. Wer spricht heute noch von Myspace und wer hat vor zehn Jahren von TikTok gesprochen?“ Anfang des Jahres forderte das EU-Parlament, digitale Abhängigkeiten systematisch zu erfassen, um auf dieser Grundlage Gegenmaßnahmen abzuleiten. Ob das überhaupt gelingen kann? „Unternehmen stehen im Wettbewerb, sie wollen keine eigenen Schwächen offenlegen“, sagte Johannes Schraps (SPD), Mitglied im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union im Bundestag. Und bei Abhängigkeiten handele es sich um Schwächen – seien es Abhängigkeiten von Chips oder seltenen Erden. Schraps: „Es ist extrem schwierig, alles zu kartieren. Aber es ist gut, dass sich das Parlament mit dem Thema beschäftigt. Denn kein europäisches Land ist der Aufgabe alleine gewachsen. Wir müssen zusammenarbeiten“ – auch mit Partnern außerhalb von Europa, darunter Kanada. Innerhalb Europas lohne sich vor allem der Blick aufs Baltikum: „Dort ist die Bedrohungswahrnehmung, auch im Digitalen, eine andere als in Zentraleuropa. Davon können wir viel lernen.“ Hinzu komme, dass vieles besser läuft. Dies habe ebenfalls historische Gründe: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hätte Russland sämtliche digitale Technik mitgenommen. Staaten wie Estland mussten digitale Lösungen von Grund auf neu implementieren. Diese Krise sei als Chance genutzt worden, man sei besonders strategisch vorgegangen und nehme heute eine Vorreiterrolle ein. Zeit, umzudenken Schraps kritisierte das paradoxe Verhalten, das viele Menschen in seinen Augen an den Tag legen: Einerseits bestehe große Skepsis, wenn es darum geht, Staat und Gesundheitssystem Daten zur Verfügung zu stellen, obwohl dabei höchste Sicherheitsstandards gelten. Andererseits würden sensible Daten privaten Unternehmen bereitwillig zur Verfügung gestellt. „Hier müssen wir dringend umdenken!“ „Wir lassen das Thema Datensicherheit zu oft hinten herunterfallen, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen“, sagte Dr. Alexander Schellong, Mitglied in der Geschäftsleitung von Schwarz Digits, der Digital- und IT-Sparte der Schwarz Gruppe. Studienergebnisse, aus denen ein geringes Bewusstsein für digitale Sicherheit hervorgeht, hätten ihn schockiert. Was die Dringlichkeit unterstreicht: Jede Woche kämen große Mengen Daten aus Datenlecks zusammen. „Wenn wir alte Passwörter aus der Jugendzeit immer noch verwenden, weil wir sie uns so gut merken können, und sie einmal Teil eines Datenlecks waren, können wir uns sicher sein: Die bösen Jungs und Mädels da draußen finden sie.“ Die Verschlechterung der transatlantischen Beziehungen habe dazu geführt, dass wir digitale Abhängigkeiten heute intensiver diskutieren und die Dringlichkeit zum Handeln erkennen, unterstrich Schellong. Bemerkenswert: Auch in den USA gäbe es Probleme mit Abhängigkeiten. Unter anderem könnten nicht alle der geplanten Datenzentren gebaut werden, weil die erforderlichen Transformatoren fehlen. Trotzdem sei es für Europa dringend geboten, ins Handeln zu kommen: „Die Zeit der Statements ist vorbei. Wir müssen Entscheidungen treffen und auch mal aushalten, wenn etwas nicht sofort klappt oder andere sich beschweren. Die Welt dreht sich weiter.“ cdi, ef, wim, zit Chantal Kopf, Vizepräsidentin der Europa-Union Deutschland e. V., skizzierte in ihrer Begrüßung europäische Souveränität als „Querschnittsthema, das alle Lebensbereiche betrifft“. … ist eine Kooperationsveranstaltung des dbb beamtenbund und tarifunion zusammen mit der Europa-Union Deutschland, dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement und der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland. Seit 2006 finden die Abende regelmäßig im dbb forum berlin statt. Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Medien und Verbänden nehmen teil und haben hier die Chance, sowohl über Themen mit Europabezug aus den unterschiedlichsten Politikbereichen zu diskutieren als auch im Umfeld der Abende neue Kontakte zu knüpfen. Der Europäische Abend … © Jan Brenner (4) 30 INTERN dbb magazin | Juni 2026
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