dbb magazin 6/2026

ONLINE Digitale Gewalt Wie deep ist der Deepfake-Abgrund? Videomanipulation ist kein neues Phänomen. Hintergründe, Körper und Köpfe auszutauschen, ist fast so alt wie das Medium selbst. Früher musste Filmmaterial Bild für Bild von Hand retuschiert werden. Heute kann Software das Gesicht von Person A einfach über das von Person B legen und dabei lebensecht Mimik, Lippenbewegungen und sogar die Stimme imitieren. Dieses Verfahren wird „Face-Swapping“ genannt. Dafür nutzt die Software künstliche Intelligenz, also maschinelles Lernen und künstliche neuronale Netze. Diese Netze arbeiten mit vielen Abstraktionsebenen zwischen Eingabe und Ausgabe. Für die Nutzerinnen und Nutzer bleiben diese Ebenen verborgen. Genau das macht die Netze „tief“ und das Lernen „deep“. Daher kommt die Bezeichnung „Deepfakes“. Die KI wird mit Tausenden Videos trainiert. So lernt sie, Muster zu erkennen und immer besser nachzubilden. Ist das Training abgeschlossen, weiß sie zum Beispiel, wie sie ein Gesicht anpassen muss, damit es so aussieht, als würde eine Person gerade ein „O“ aussprechen. Je nach Leistungsfähigkeit kann sie das auch mit unterschiedlichen Emotionen, aus verschiedenen Perspektiven und bei wechselnden Lichtverhältnissen. Dadurch wirken die Videos täuschend echt. Anfang 2022 kursierte eine vermeintliche Kapitulationsrede des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Das Video wurde zwar schnell als Deepfake enttarnt, zeigte aber das Potenzial der Technologie für politische Manipulation. Deepfakes können eingesetzt werden, um Fakten zu verdrehen oder Ereignisse vollständig zu erfinden. Online erreichen sie in kurzer Zeit ein großes Publikum. Werden sie nicht rechtzeitig als Fälschung erkannt, können auch andere Medien sie aufgreifen und weiterverbreiten. Dadurch wird es immer schwieriger, Wahrheit und Fälschung voneinander zu unterscheiden. Umgekehrt können sogar echte Videos als Deepfakes abgetan werden. Die Gefahr beschränkt sich jedoch nicht auf die politische Bühne. Auch im privaten Bereich und für die Strafverfolgung sind Deepfakes inzwischen ein Problem. Kriminelle haben das Potenzial der Technologie längst erkannt. Sie kann etwa für Betrug eingesetzt werden. Telefon- und sogar Videoanrufe von vermeintlichen Angehörigen wirken dadurch noch glaubhafter. Der Enkeltrick ist im Jahr 2026 angekommen und läuft nun vollautomatisch. KI wird zu krimineller Intelligenz „Wir sehen, wie schnell sich die Technik weiterentwickelt. Dadurch treten neue Lücken im Strafrecht auf, die wir so schnell wie möglich schließen müssen“, erklärt Heiko Teggatz, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), gegenüber dem dbb magazin. „Um die Strafverfolgungsbehörden bei der Bekämpfung von Deepfake-Kriminalität zu stärken, muss die Politik sie mit entsprechend geschultem Personal und der notwendigen Technik ausstatten.“ Zudem müssten Plattformen in die Pflicht genommen werden, strafbare Inhalte zu löschen und bei der Identifizierung der Täter mitzuwirken. Doch nationales Handeln allein reiche oft nicht aus. „Häufig befinden sich die Kriminellen, die Plattformbetreiber und die Server in unterschiedlichen Ländern. Da ist viel mehr internationale Zusammenarbeit nötig“, betont Teggatz. Deepfakes sind außerdem ein beliebtes Mittel zur Erpressung. Die Kriminellen handeln nach dem Muster: „Ich habe eine Aufnahme davon, wie du etwas Strafbares oder Peinliches tust. Du willst doch nicht, dass das Video öffentlich wird.“ Um sich selbst KI-gestützte Videobearbeitung eröffnet nie dagewesene Möglichkeiten. Was früher selbst für Filmstudios eine kostspielige Angelegenheit war, ist nun kostenlos nur wenige Klicks auf dem Smartphone entfernt. Doch die Verfügbarkeit hat düstere Folgen. 26 FOKUS dbb magazin | Juni 2026

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