dbb magazin 6/2026

STANDPUNKT Dr. Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) Prävention ist eine Investition in Stabilität Arbeitsschutz wird oft als Bürokratie abgetan. Dabei entscheidet er über Gesundheit, Erwerbsfähigkeit und wirtschaftliche Stabilität. Hinter jeder Unfallstatistik stehen menschliche Schicksale und erhebliche Folgekosten. Die Zahlen zeigen: Prävention wirkt und ist kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in eine leistungsfähige Gesellschaft. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit genügt manchmal, um ein ganzes Leben zu verändern. Ein Beschäftigter eines Reinigungsunternehmens stürzte bei der Arbeit von einer Leiter. Er brach sich das Fersenbein, war monatelang arbeitsunfähig und musste mühsam wieder lernen, den Fuß vollständig zu belasten. Andere verunglücken schwerer. Manche kehren nie mehr an ihren Arbeitsplatz zurück. Solche Fälle tauchen in politischen Debatten oft nur am Rand auf. Stattdessen wird abstrakt über Vorschriften, Dokumentationspflichten oder vermeintliche Überregulierung diskutiert. Schnell entsteht dabei der Eindruck, Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit seien vor allem ein Kostenfaktor. Das klingt zunächst plausibel. Tatsächlich aber wäre es ein folgenschwerer Irrtum. Denn Prävention kostet zwar etwas. Aber teuer wird es dort, wo Prävention fehlt. Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und lange krankheitsbedingte Ausfälle treffen die Betroffenen und ihre Familien. Sie belasten aber auch Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Sozialversicherungen und das Gesundheitswesen. Jeder schwere Unfall bedeutet Leid, Ausfälle und den Verlust von Erfahrung und Arbeitskraft. Wie groß dieser Effekt ist, zeigt ein Blick auf die vergangenen Jahrzehnte: Die Zahl der Arbeits- und Wegeunfälle ist seit dem Jahr 2000 massiv zurückgegangen – von rund 1,38 Millionen auf zuletzt etwa 755 000 meldepflichtige Fälle pro Jahr. Wären die Unfallzahlen auf dem früheren Niveau geblieben, hätte die gesetzliche Unfallversicherung Milliardenbeträge zusätzlich für Rehabilitation, Renten und medizinische Versorgung aufbringen müssen. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Sie ist nicht zuletzt das Ergebnis kontinuierlicher Präventionsarbeit. Gerade deshalb greift auch die aktuelle Diskussion über Vereinfachung und Entlastung häufig zu kurz. Natürlich müssen Verfahren verständlich, digital und praxisnah sein. Aber wer Sicherheit und Gesundheit pauschal als überflüssige Bürokratie abtut, verkennt ihre eigentliche Funktion. Arbeitsschutz schützt nicht nur Beschäftigte. Er hält unsere Arbeitswelt leistungsfähig. In der Wirtschaft wie im öffentlichen Dienst zeigt sich täglich, wie wichtig sichere und gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen sind – in Betrieben, in Kitas, Schulen und Verwaltungen, bei Einsatzkräften, in Verkehrsbetrieben, Kliniken oder Rettungsdiensten. Dort hängt die Funktionsfähigkeit unseres Gemeinwesens unmittelbar davon ab, dass Menschen gesund arbeiten können. Das gilt ebenso für die Wirtschaft insgesamt. Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber sind auf motivierte, qualifizierte und gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen – insbesondere in Zeiten des Fachkräftemangels. Gute Arbeitsbedingungen reduzieren Ausfälle und stärken die Bindung an den Arbeitsplatz. Prävention ist deshalb mehr als eine soziale Frage. Sie ist ein Stabilitäts- und Standortfaktor. Das gilt erst recht in einer älter werdenden Gesellschaft. Wenn Menschen länger gesund im Erwerbsleben bleiben sollen, braucht es sichere und gesunde Arbeitsbedingungen. Wer hieran spart, muss damit rechnen, dass ihn diese Entscheidung einholen wird – in Form fehlender Fachkräfte sowie höherer Gesundheits- und Sozialausgaben. Die gesetzliche Unfallversicherung bildet jedes Jahr Millionen Menschen in Erster Hilfe aus, qualifiziert Sicherheitsbeauftragte und unterstützt Unternehmen und Einrichtungen dabei, sichere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Die BG Kliniken leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung Schwerverletzter. Dass viele Menschen den Wert dieser Arbeit erkennen, zeigt auch das aktuelle DGUV Barometer Arbeitswelt: 90 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass Prävention Unternehmen stärkt und die Krisenfestigkeit unseres Landes erhöht. Denn eine starke Gesellschaft braucht nicht weniger Prävention, sondern verlässliche Rahmenbedingungen für sichere und gesunde Arbeit. _ Dr. Stephan Fasshauer © DGUV FOKUS 17 dbb magazin | Juni 2026

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