dbb magazin 3/2024

EUROPA EU-Bedienstete Deutschland ist in Brüssel unterrepräsentiert Der Anteil der Deutschen an den in den EU-Institutionen beschäftigten Beamten und Bediensteten auf Zeit ist gemessen an Deutschlands Bevölkerungszahl zu niedrig. Die Bediensteten der EU-Institutionen sind zwar allein den europäischen Verträgen verpflichtet. Trotzdem ist ihre Herkunft nicht belanglos, denn jedes Land weist Besonderheiten auf – Deutschland etwa sein in der Verfassung garantiertes Berufsbeamtentum und eine ausgeprägt föderale Ordnung. Jedes EU-Mitglied hat besondere Gepflogenheiten, die es in Brüssel zu kennen und zu verstehen gilt, weil Rechtssetzungsinitiativen sonst schnell fehlerhaft oder unbeabsichtigt zu ausbrechenden Rechtsakten werden können. Unter dem Richtwert So besteht in Europa Einigkeit darüber, dass die Mitgliedstaaten sich angemessen im Personal der Brüsseler Institutionen wiederfinden müssen. Für alle EU-Mitgliedstaaten gibt es einen ihrem jeweiligen Bevölkerungsanteil entsprechenden Richtsatz. Dieser liegt für Deutschland bei 13,8 Prozent. Diesen Anteil an den Kommissionsbediensteten erfüllt Deutschland jedoch schon lange nicht mehr. Formal liegt eine Unterrepräsentation vor, wenn 80 Prozent des Richtsatzes unterschritten werden. Deutschland stellt anteilig nur elf Prozent. Über dem Richtsatz liegt Deutschland nur bei mittleren Führungskräften. Auf der höheren Führungsebene ist Deutschland mit 12,8 Prozent noch so gut vertreten, dass formal von keiner Unterrepräsentanz gesprochen werden kann. Anders sieht es bei den Besoldungsgruppen AD 5 bis AD 14 aus, also im breiten Personalkörper, einschließlich künftiger Führungskräfte: Dort liegt Deutschlands Anteil bei 8,2 bis 10,6 Prozent, also klar unter der Grenze. Die Babyboomer gehen in den Ruhestand Die Bundesregierung nimmt sich dieses Themas verstärkt an. Sowohl das Bundesinnenministerium, das in dienstrechtlichen Fragen für Austauschbeamte bei der EU und internationalen Organisationen zuständig ist, als auch das Auswärtige Amt, das mit dem Europäischen Amt für Personalauswahl (EPSO) zusammenarbeitet, sehen die Entwicklung mit Sorge. Denn die Babyboomer gehen bald in den Ruhestand, und dann wird Deutschland mit seinem Anteil am Kommissionspersonal noch weiter zurückfallen. Da Deutschland auf Ebene der Referenten unterrepräsentiert ist, wird es auch weniger aussichtsreiche Bewerber für künftige Führungspositionen geben, sodass auch hier ein Rückgang droht. Ursächlich für diese Entwicklung ist eine Reihe von Faktoren. Der demografische Wandel und ein großes Angebot an attraktiven Stellen für gut qualifizierte, mehrsprachige junge Menschen in Deutschland selbst spielt eine erhebliche Rolle. Hinzu kommt, dass die europäischen Auswahlverfahren kompliziert sind und angesichts der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu lange dauern. Außerdem sind die Verfahren besonders auf eine in romanischen Ländern vertraute Art der Bestenauslese zugeschnitten. Experten fordern deshalb schon lange eine Anpassung auch an andere Bildungssysteme und Rekrutierungspraktiken. Neben Deutschland sind vorrangig die skandinavischen Länder stark unterrepräsentiert. Modernisierung auf Eis gelegt Aktuell scheint es Unklarheit über den weiteren Weg zu geben. Das EPSO wollte zum Beispiel ein schlankeres, online-basiertes Zulassungsverfahren in englischer Sprache anbieten, das jedoch aufgrund technischer Probleme offiziell auf Eis gelegt wurde. Inoffiziell scheint es jedoch Verstimmungen mit Frankreich zu geben, da Paris sowohl großen Wert auf die französische Sprache als auch auf französische Gepflogenheiten bei der Bestenauslese legt. Während in Deutschland niemand den altehrwürdigen Concours, das Auswahlverfahren der EU, prinzipiell infrage stellt, wird es doch innovativer Ansätze bedürfen, um mehr Bewerbungen aus alternden EU-Staaten mit Arbeitnehmermärkten zu bekommen. cm Model Foto: Dmitry Rukhlenko/Colourbox.de 32 INTERN dbb magazin | März 2024

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