dbb magazin 3/2023

NACHGEFRAGT Nachgefragt bei Michael Salomo, Netzwerk Junge Bürgermeister*innen Mit Tinder und Co. zum Recruiting-Erfolg Sie sind mit 25 Jahren als jüngster Bürgermeister Deutschlands quasi als „erste Fachkraft“ in die Verwaltungsgemeinschaft Ihrer Kommune eingestiegen und waren davor ebenfalls in der öffentlichen Verwaltung tätig. Was macht gute Verwaltung für Sie aus? Gute Verwaltung bedeutet für mich, dass die Bürgerinnen und Bürger in allen Lebenslagen bestens versorgt sind. Verwaltungen sind heutzutage extrem leistungsfähig, fachlich hervorragend, müssen immer effizienter arbeiten, um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Man stelle sich das Leben in Deutschland ohne die öffentliche Verwaltung vor: Es würde lahmgelegt werden. Die Mitarbeitenden in den Kommunalverwaltungen sind die Schnittstelle zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und den Verwaltungen. Das beginnt beim Service im Bürgerbüro oder auf digitalem Wege und geht bis zu den Themen, die unser Zusammenleben in der Stadtgesellschaft ausmachen, wie Verkehrswege, Umwelt und Wahlen. Dazu gehört auch, ein offenes Ohr für die Bürgerinnen und Bürger zu haben. Wie schon Manfred Rommel, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, sagte: „Die Summe der Einzelinteressen ergibt nicht das Gemeinwohl, sondern Chaos.“ Deswegen ist es für eine gute Verwaltung wichtig, ganzheitliche Konzepte zu haben, die die Allgemeinheit voranbringen. Der öffentliche Dienst sucht in allen Bereichen händeringend Nachwuchs. Wie stellt sich die Situation in Ihrer Kommune dar? Der Stadt Heidenheim fehlen auch Fachkräfte und Nachwuchs. Zudem sind wegen der vielen aktuellen Herausforderungen – die Klimakrise, die Energiekrise, die Zuwanderung – zusätzlich Arbeitskräfte gebunden. Die Stadt bildet Menschen in 20 verschiedenen Ausbildungs- und Studienberufen aus, die Bewerberzahlen sind rückläufig. Im Rahmen der Kampagne „Aus Liebe zum Job“, die am Valentinstag startete, ging die Stadtverwaltung mit einem eigenen Tinder-Profil online. Die Stadtverwaltung spricht so mit der Kampagne gezielt junge Menschen an, die die Datingplattform Tinder nutzen oder zumindest kennen. Das Tinder-Profil mit demNamen „Heide N. Heim“ ist ein Element des Konzepts der Kampagne, das sich im Kern aus vielen Social-Media-Beiträgen auf anderen Plattformen zusammensetzt. Zudem setzt die Stadt mit Buswerbung, Postern, Buttons, Kugelschreibern, Lollis, Postkarten und Stofftaschen im einheitlich bunten Design auf klassisches Werbematerial. Wir zeigen Jugendlichen die vielfältigen Perspektiven des Berufslebens, und wie abwechslungsreich die Arbeit in unserer modernen Stadtverwaltung ist. Daraus ergibt sich welche Chancen auf all jene warten, die eine Ausbildung oder ein Studium bei uns beginnen. Es handelt sich dabei vor allem um nachhaltige und sinnstiftende Tätigkeiten. Das alte Klischee von staubigen Büros und unflexiblen Verwaltungsbeschäftigten ist längst überholt. Dazu passt, dass die Stadt moderne Kommunikation nutzt. Seit 2021 ist die Stadt auf TikTok aktiv, veröffentlichte 2020 im Rahmen der Kampagne „Schluss mit schmutzig“ einen Rap auf allen gängigen Streamingplattformen und hat seit mehr als zwei Jahren mit „Anna“ eine Influencerin, die städtische Themen auf Social Media präsentiert. Wie kann die Attraktivität der öffentlichen Verwaltung gesteigert werden, damit junge Menschen sich für eine entsprechende Karriere entscheiden? Durch die Coronapandemie gilt der öffentliche Dienst eher wieder als sicherer Arbeitsplatz. Um gegenüber der freien Wirtschaft Chancen zu haben, muss der öffentliche Dienst trotzdem moderner werden. Dazu gehören Verbesserungen bei den Gehältern sowie bei der Digitalisierung und der technischen Ausstattung der Verwaltungen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für die jungen Leute wichtig. Moderne Arbeitszeitmodelle, Möglichkeiten zur Arbeit im Homeoffice sowie Erziehungs- und Sonderurlaub müssen unbedingt Beachtung finden. Um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, spielen weitere Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel ein gutes Arbeitsklima, Fort- und Weiterbildungsangebote, Chancengleichheit, betriebliche Altersvorsorge, ein Jobticket und gute Infrastruktur am Ort. Alle Probleme unserer Zeit erfordern innovative und nachhaltige Lösungsansätze. Diese werden zwar immer auf Bundes- und Landesebene diskutiert, jedoch brauchen wir kreative Mitarbeitende, die vor Ort passende neue Lösungen schaffen, um nachhaltig die vor uns liegenden Herausforderungen attraktiv gestalten zu können. ■ Michael Salomo ist Oberbürgermeister der Stadt Heidenheim an der Brenz. © Stadt Heidenheim FOKUS 19 dbb magazin | März 2023

RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==