dbb magazin 5/2021

fokus die andere meinung MEINUNG Wer für das Gemeinwesen eintritt, lebt zunehmend gefährlich Das haben sie nicht verdient! Der SPD-Politiker Karl Lauterbach und der Virologe Christian Drosten erhal­ ten Morddrohungen. In Stuttgart ziehen Jugendliche randalierend durch die Innenstadt und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. In Berlin ruft ein 38-Jähriger den Rettungswagen und greift dann Sanitäter an. In Essen bedroht ein Maskenverweigerer in der S-Bahn den Zugbegleiter. Nur ein paar Meldungen aus den vergangenen Corona-Monaten. Fast könnte man meinen, dass das Virus nicht nur die Atemwege befällt, sondern so man­ chem auch die Sinne benebelt und die Galle hochtreibt. Oft werden die zur Zielscheibe, die nicht einfach vor der Pan­ demie ins Homeoffice flüchten können: Rettungskräfte, Poli­ zisten, Busfahrer, Kommunal­ politiker. Sie machen schlicht ihren Job, der darin besteht, sich für das Gemeinwesen ein­ zusetzen. Und werden dafür mit Füßen getreten von jenen, die ihren Frust ablassen – ge­ gebenüber dem Staat, der Poli­ tik oder ihren ganz persönli­ chen Problemen. Die Corona-Krise wirkt dabei wie ein Katalysator für ein Phä­ nomen, das schon seit Jahren beobachtet wird. Die Krimina­ lität insgesamt geht zurück, aber die Gewalt gegen Reprä­ sentanten des Staates nimmt zu. Die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019 war dabei der traurige Beweis, dass aus Worten irgendwann Taten werden. In den sozialen Netz­ werken gehen Drohungen, Beleidigungen und üble Nach­ rede schon viel zu lange als Meinungsfreiheit durch. Die Verrohung der Sitten im Netz – oft unter dem Deck­ mantel der Anonymität – ist ein Treiber für die Verrohung der Gesellschaft insgesamt. Acht von zehn Bürgern sind der Meinung, dass diese in den zurückliegenden Jahren zugenommen hat. Soziologen und Psychologen verorten die Gründe dafür auch in einem Gefühl des Kontrollverlusts, das etwa durch die Digitalisie­ rung der Arbeitswelt oder den Zuzug von Geflüchteten ausge­ löst wurde. Und in einer zuneh­ menden Individualisierung der Gesellschaft, bei der einzelne Grup­ pen ihre Partiku­ larin­ te­ res­ sen über das Gesamtwohl stellen. Ein Heer von Narzissten macht eben kein gutes Gemeinwesen. In der Corona-Krise kommt erschwerend hinzu, dass die Menschen geradezu zur Ver­ einzelung gezwungen werden. Alles, was Ausgleich oder Ab­ lenkung verspricht, fällt weg: das Gemeinschaftsgefühl und das Austoben beimMann­ schaftssport, der Samstag­ abend mit Freunden in der Disco. Und so manches starke jugendliche Ego, das in Vor-­ Corona-Zeiten vielleicht noch vom Lehrer oder dem Klassen­ verband eingehegt wurde, fin­ det beim Distanzunterricht gar kein soziales Korrektiv mehr. Das gesteigerte Frust­ potenzial kann Ausschrei­ tungen wie sei­ ner­ zeit in Stuttgart vielleicht erklären – ent­ schuldigen kann es sie nicht. Genauso wenig wie Drohun­ gen gegen Lehrer wegen schlechter Noten oder Fla­ schenwürfe auf Feuerwehrleu­ te, die versuchen, Leben zu ret­ ten. Wie viel Empathie muss bei Menschen verloren gegan­ gen sein, die in der Klinik-Not­ aufnahme randalieren, weil der Arzt erst zu Ende operiert, statt sich um sie zu kümmern? Es ist deshalb gut und richtig, dass der Staat Übergriffe auf Polizisten und Rettungskräfte inzwischen konsequenter ahndet. Auch das neue Gesetz gegen Hasskriminalität im Netz, das soziale Netzwerke verpflichtet, menschenverach­ tende Postings zu melden, und Kommunalpolitiker sowie Per­ sonal in Notaufnahmen besser schützt, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Allein mit schärferen Gesetzen werden die Verantwortlichen in Bund und Ländern aber der Gewalt gegen Repräsentanten des Staates kaum beikommen – gerade in der Corona-Krise. Politische Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung müs- sen in sich stimmig sein, für die Bürger nachvollziehbar und für die öffentliche Verwaltung realistisch umsetzbar. Zu oft haben die Marathonkonferen­ zen der Regierungschefs aus Bund und Ländern Ergebnisse gebracht, die schon am nächs­ ten Tag das bedruckte Papier nicht mehr wert waren. Das Vertrauen in die Corona-Politik ist rapide geschrumpft. Weil die Bürger ihrem Verdruss aber erst im September an der Wahlurne Ausdruck verleihen können, richtet sich ihr Frust bis dahin gegen die für sie er­ reichbaren Repräsentanten der Misere. Die Kitaerzieherin, die wieder nur eine Notbetreu­ ung anbieten kann. Den Mana­ ger des Impfzentrums, dem kein Impfstoff geliefert wurde. Den Polizisten, der die Masken­ pflicht auf der Corona-Demons­ tration durchsetzen muss. Sie stehen für das Gemeinwesen auch in der Krise ein – und müssen ausbaden, was derzeit schiefläuft. Das haben sie nicht verdient. Frank Specht < Der Autor Frank Specht berichtet für das „Handelsblatt“ aus Berlin. F o t o : p i t r s / C o l o u r b o x . d e 17 dbb > dbb magazin | Mai 2021

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