JUGEND Studie des Deutschen Bundesjugendrings Wie Jugendarbeit bedroht wird Eine Mitarbeiterin, die tätlich angegriffen und rassistisch beleidigt wurde. Versprühtes Reizgas in einer Jugendeinrichtung. Schmierereien und Hakenkreuze am Jugendhaus. Ein Busfahrer, der eine jüdische Jugendgruppe verfassungsfeindlich beleidigt. Das sind Beispiele für Schilderungen, die Jugendliche auf den Fragebögen der Bedrohungsstudie des Deutschen Bundesjugendrings notiert haben. Teilgenommen an der Erhebung haben mehr als 350 Jugendverbände und -ringe aus ganz Deutschland. „Das Bedürfnis, die eigenen Erlebnisse auszuformulieren, war sehr groß“, sagt Lars Reisner, Referatsleiter beim Deutschen Bundesjugendring (DBJR). Er verantwortet die Studie gemeinsam mit seinem Kollegen Maximilian Lorenz sowie den Erziehungswissenschaftlern Prof. Benno Hafeneger und Jana Sämann. „Die Situation ist sehr alarmierend. Uns schockiert, womit junge Menschen vor Ort konfrontiert sind.“ Ein zentrales Ergebnis der Studie: 26 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einen Vorfall erlebt zu haben, den sie als rechtsextremen Angriff oder Übergriff einstufen. Mit Blick auf die Art der Vorfälle ergibt sich folgendes Bild: Beleidigungen und Beschimpfungen: 61,8 Prozent; Online-Angriffe und Hatespeech: 46,0 Prozent; Bedrohungen: 36 Prozent; Sachbeschädigungen: 30,3 Prozent; „Hausbesuche“ oder Ausspionieren von Einrichtungen: 15,7 Prozent; körperliche Übergriffe: 12,6 Prozent. Die Befragten hatten die Möglichkeit, mehrere Antworten zu geben – teilgenommen haben Jugendverbände, Jugendgruppen und Jugendringe, die kommunal, auf Landesebene und überregional aktiv sind. Stattgefunden hat die Befragung im Zeitraum vom 18. Dezember 2025 bis 30. April 2026. Die vollständigen Ergebnisse will der Bundesjugendring noch in diesem Jahr veröffentlichen. Jugendverbände stehen für demokratische Selbstorganisation. Sie bilden eine Werkstatt für Demokratie, so das Selbstverständnis des Bundesjugendrings. Eigene Programme gestalten, diskutieren, Kompromisse finden, andere Meinungen aushalten, möglicherweise Vorstände wählen, all das gehört dazu. Dabei bilden die Jugendverbände die Vielfalt der Gesellschaft ab: Die Angebote richten sich an verschiedene Interessen, Konfessionen und Minderheiten. „Diese Pluralität ist der extremen Rechten ein Dorn im Auge“, sagt Reisner. „Jugendverbände sind in ihrer Selbstorganisation und Pluralität das Gegenteil einer zentral gesteuerten Staatsjugend“ – vor diesem Hintergrund seien die Anfeindungen und Angriffe zu erklären. Zur Strategie gehöre ebenfalls, die Gemeinnützigkeit von Jugendverbänden anzuzweifeln. Das passiert beispielsweise über parlamentarische Anfragen der AfD. Reisner: „Oft heißt es, dass Jugendverbände zur politischen Neutralität verpflichtet sind. Das stimmt so pauschal nicht. Richtig ist, dass politische Betätigung im Rahmen der eigenen Satzung erlaubt ist. Problematisch wäre nur eine parteipolitische Ausrichtung.“ „Seit einem Drohschreiben und dem Einwerfen einer Scheibe fühlen sich die Mitarbeiter*innen schon bedroht, gerade wenn sie auch mal allein in der Einrichtung sind“, schildert einer der befragten Jugendverbände. Schlimmstenfalls drängen Einschüchterungsversuche das Engagement zurück, egal ob haupt- oder ehrenamtlich. „Wenn es dazu kommt, haben die Rechtsextremen gewonnen“, unterstreicht Reisner. Das dürfe nicht passieren. Gerade jetzt komme es darauf an, für die eigene inhaltliche Arbeit einzustehen. Der Bundesjugendring rät allen Jugendverbänden, ein Präventionskonzept zu erarbeiten, das folgende Fragen beantwortet: Wo sind wir angreifbar? Und wie reagieren wir im Ernstfall? Ein Punkt, der Lars Reisner abschließend wichtig ist: „Oft kommt die Frage, warum wir uns in der Bedrohungsstudie nur mit rechtsextremen Anfeindungen beschäftigten. Der Grund: Uns wird fast ausschließlich von rechtsextremen Angriffen berichtet. Linksextreme Anfeindungen sind aktuell kein Thema. Wenn es so wäre, würden wir diese ebenfalls einbeziehen.“ cdi © HamburgNews - stock.adobe.com 34 INTERN dbb magazin | Oktober 2026
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