Das heilige Land

Internationaler Jugendaustausch: Israel-Outgoing 2014

  • Gruppe in Israel Foto: Intern Die diesjährige Israel-Delegation der dbb jugend (v.l.): Valentino Lombardo (komba), Asya Mirzanli, Lena Hülsmeyer (vbba), Sany Pahlke (vbba), Yvonne Bösel (dbb-Jugendreferentin), Patrick Baldauf (DPolG), Ilan Ben-Dov (Director Western Europe 1-Department

Shalom – der Friede sei mit dir! So begrüßt man sich in Israel, einem Land, das viele Menschen in Deutschland mit Krieg, Terror und dem Konflikt mit den Palästinensern in Verbindung bringen. So waren vor der Abreise unserer Jugenddelegation, die aus insgesamt zehn jungen Menschen der verschiedenen dbb-Fachgewerkschaften bestand, viele Angehörige skeptisch und mit Sorge erfüllt. Meldungen wie die des Auswärtigen Amtes „Vor Reisen in den Gazastreifen wird dringend gewarnt“ oder die auf tagesschau.de vom 14. März 2014 „Israel vom Gazastreifen beschossen – heftigster Raketenangriff seit 2012“ schürten diese Bedenken.

All dies sind Bilder und Szenarien, die wir bei unserer Reise vom 25. bis 31. Mai 2014 nur bedingt vorfanden. Ja, es gibt Check-Points, ja, Militär und Polizei sind präsent, ja, wir haben bei der Besichtigung einer israelischen Polizeiinspektion Regale voller Raketenteile gesehen, mit welchen israelische Gebiete beschossen worden sein sollen, und ja, wir haben die Mauer bzw. den Zaun zwischen Israel und Palästina gesehen. Das sind jedoch nicht die Bilder, die unseren Israelaustausch prägten. Vielmehr haben wir uns während unseres Aufenthaltes zu jeder Zeit sicher und willkommen gefühlt, in einem Land, das sich weiter entwickelt und weltoffener präsentierte, als viele von uns vorab gedacht hatten.

 

Unser Israel-Outgoing begann mit der Landung am Ben-Gurion-Airport in Tel Aviv, wo wir herzlich von unserer israelischen Partnerorganisation „Noarleumi“ bzw. unseren beiden zentralen Ansprechpartnern Gabriel (Gabi) und Hai in Empfang genommen wurden. Insbesondere Gabi begleitete uns während unseres gesamten Aufenthaltes und gewährte uns auch persönliche Einblicke in das alltägliche israelische Leben, die wir als Pauschaltouristen niemals hätten haben können. Nachdem wir direkt am Flughafen unsere heimische Währung in Schekel (israelische Währung) getauscht hatten, besichtigten wir Tel Aviv – Old Jaffa. Das 1909 gegründete Tel Aviv war ursprünglich ein Vorort der bereits seit der Antike bestehenden Hafenstadt Jaffa. 1950 wurden beide Städte zum heutigen Tel Aviv-Jaffa vereinigt. Tel Aviv-Jaffa ist nach der Hauptstadt Jerusalem die zweitgrößte Stadt Israels. Nach einem kurzen Besuch des Hafens, dem Schlendern durch die verwinkelten Gassen Old Jaffas und dem ersten israelischen – unbeschreiblich leckeren und üppigen – Mittagessen, bezogen wir nach einer dreistündigen Busfahrt mit Busfahrer Kobi unser Hotel in Jerusalem. Bereits bei der ersten Busfahrt kristallisierte sich heraus, dass wir mit unserer Gruppe eine lustige gemeinsame Zeit haben würden. So entwickelte sich auch rasch eine Freundschaft zu unserem Busfahrer Kobi, der genau wie unser Guide Gabi sehr schnell in unsere Gruppe integriert wurde.

 

Am folgenden Tag stand ein Besuch in der Zentrale unserer Partnerorganisation an. Im Zuge zahlreicher Meetings erfuhren wir Näheres zur Gewerkschaftsarbeit in Israel, zu den Frauenrechten und verschiedenen gewerkschaftlich organisierten Frauenförderprogrammen. Außerdem brachte uns Herr Dr. Kayam das sehr fortschrittliche Gesundheitswesen Israels näher. Unterbrochen wurden die Meetings wiederum von einem sehr üppigen und leckeren Mittagessen, bei dem Falafeln, Hommos, frisches Gemüse und Fleisch auf dem Speiseplan standen. Anschließend fuhren wir in die Altstadt Jerusalems und besuchten dort die Grabeskirche und die Klagemauer, hinter der der Felsendom anmutig herausragt. Bei diesen einzigartigen Bauwerken, die so viel Geschichte in sich tragen, begegneten uns immer wieder orthodoxe Juden. Die Männer tragen 365 Tage im Jahr lange schwarze Hosen, feste schwarze Schuhe, dazu ein weißes Hemd, einen schwarzen langen Mantel und einen schwarzen Hut oder eine Kippa (Kopfbedeckung männlicher Juden, die aus Respekt vor Gott getragen wird). Die Frauen tragen lange Röcke und Oberteile und verbergen ihr Haar unter speziellen Mützen und Tüchern. Diese Kleidung symbolisiert die Gleichheit aller vor Gott. Am Abend nach unserer Tour durch Jerusalem kehrten wir mit unserem Bus zurück in unser Hotel in den Bergen Jerusalems, unweit des Ha-Shalom Forests.

 

Nach einer erholsamen Nacht stand ein sehr ereignisreicher Tag auf dem Programm. Am Morgen besuchten wir Yad Vashem – das Museum zur Geschichte des Holocaust. Yad Vashem präsentiert den Holocaust aus einer einzigartigen jüdischen Perspektive, die anhand von Originalgegenständen, persönlichen Habseligkeiten und Augenzeugenberichten von Überlebenden sehr konkret und berührend ist. Während unserer Führung durch das Museum, welche eine junge jüdische Frau übernahm, blieb uns angesichts der Grausamkeiten des Holocaust oft die Luft weg. Das Museum bohrt sich wie ein Keil durch den Berg hindurch, die oberste Kante ragt aus dem Bergkamm hervor. Ausstellungsräume, die die Komplexität der Situation der Juden während des Holocaust veranschaulichen, zweigen von diesem keilartigen Schacht ab. Der Ausgang ragt dramatisch aus dem Berghang heraus und gewährt einen Blick in das Tal hinunter. Einzigartig gestaltete Ausstellungen, Räume von unterschiedlicher Höhe und mit verschieden starker Beleuchtung heben die Schwerpunkte der sich entfaltenden Geschichte hervor. Den Tränen nahe, schritten wir am Ende des historischen Überblicks in die Halle der Namen, in der die Gedenkblätter für Millionen von Holocaustopfern aufbewahrt werden.

 

Die Bilder des Holocaust noch vor Augen, ging es weiter zur Knesset, dem Parlament des Staates Israel. Es besteht aus 120 Abgeordneten, die für eine Legislaturperiode von vier Jahren nach dem Verhältniswahlrecht bei einer Sperrklausel von zwei Prozent gewählt werden. Sitz des Parlaments ist Jerusalem. Wir hatten die große Ehre, den Parlamentspräsidenten Juli-Joel Edelstein für ein kurzes Gespräch zu treffen. Vor dem Büro des Parlamentspräsidenten empfingen uns zahlreiche Medienvertreter, die, wie sich später herausstellte, nicht wegen unseres Besuches gekommen waren, sondern aufgrund der anstehenden israelischen Präsidentenwahl und der in diesem Zusammenhang stattfindenden Gespräche zwischen den Präsidentschaftskandidaten und dem Parlamentspräsidenten vor dessen Büro um die besten Interviewplätze kämpften. Nach dem Mittagessen in der Kantine des Parlaments hatten wir ein interessantes Gespräch mit dem ehemaligen israelischen Botschafter von Singapur, der auch viele Jahre in der israelischen Botschaft in Bonn gearbeitet hat und nun Leiter der Abteilung Europa ist. Offen wurden der Konflikt mit Palästina, die Errichtung der Grenzmauer bzw. des Grenzzauns und die israelische Siedlungspolitik angesprochen und diskutiert. Auch der Ausgang der Europawahlen und der Zugewinn der Rechten wurde sehr kritisch besprochen. Darüber hinaus wurden überwiegend außenpolitische Themen und insbesondere die Beziehungen zu den Nachbarländern Israels sowie der Nah-Ost-Konflikt beleuchtet. Nach diesem sehr aufschlussreichen und offenen Gespräch fand zum Abschluss des ereignisreichen Tages eine Führung durch das Gebäude der Knesset statt, bei der wir auch im Parlamentssaal Platz nehmen durften.

 

Am nächsten Tag trafen wir den Leiter des Stadtplanungsamtes der Stadt Modi'in, einer Stadt, die am Fuß der Judäischen Berge auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Jerusalem liegt. Modi'in ist eine sehr junge Stadt, die sich erst in den letzten Jahren zur Großstadt formiert hat. Bei der Tour durch die Stadt, bei der wir zahlreiche interessante städtebauliche Informationen von dem Leiter des Stadtplanungsamtes erfuhren, war schnell zu erkennen, dass Modi'in eine sehr moderne und junge Stadt ist, die so neu ist, dass sie auf vielen Karten noch nicht zu finden ist. Die ersten Siedler zogen 1996 zu; die Zielplanung sieht eine Zahl von ca. 250.000 Einwohnern vor. Wenn die geplante Bevölkerungszahl erreicht ist, wird Modi'in eine der größten Städte Israels sein. Nach der Stadtrundfahrt besuchten wir, bevor wir zum Abschluss des Tages mit einem wunderschönen Grillabend in den Wäldern Jerusalems überrascht wurden, eine Einrichtung unserer Partnerorganisation, die die kostenlose Nachmittagsbetreuung für Kinder und Jugendliche übernimmt. Dort hatten wir die Gelegenheit, junge Israelis zu treffen und kurz ins Gespräch zu kommen. Bei dem anschließenden Grillen, waren mitten im Ben Shemen Forest Sessel für uns vorbereitet, eine Musikanlage aufgebaut und leckeres Essen von unserer Partnerorganisation liebevoll angerichtet. Bei dem sehr lustigen Abend, wurde zuerst gemeinsam gegessen, dann bei lauter Musik getanzt, das eine und andere kühle Bier verköstigt und Kontakt zu israelischen Jugendlichen geknüpft.

 

Nachdem einer kurzen Nacht stand am kommenden Tag eine Fabrikführung durch die „Angel“-Brotfabrik an. Neben der Besichtigung des kompletten Herstellungsprozesses durften wir zahlreiche verschiedene Backwaren probieren, sodass wir am Ende der Führung aus der Fabrik „kugelten“. Anschließend trafen wir eine Vertreterin des „Israeli Council of Youth Movements“, eine Organisation, die mit dem Bundesjugendring (DBJR) vergleichbar ist. Uns wurde die Arbeit vorgestellt und es wurden Erfahrungen aus der gewerkschaftlichen Arbeit beider Länder ausgetauscht. Danach besuchten wir das Psagot Investment House, eine israelische Investmentfirma, die den größten privaten israelischen Pensionsfonds verwaltet. In einer Präsentation wurden uns das staatliche Renten- und Pensionssystem sowie die zusätzlichen privaten Absicherungsmöglichkeiten vorgestellt.

 

Am vorletzten Tag unseres Austausches besuchten wir verschiedene „Ashdod Area Leumit Health Care Services“ – Ärztehäuser –, wobei uns bei verschiedenen Rundgängen das Gesundheitssystem Israels näher gebracht wurde. Ein System, das unserem in vielen Dingen voraus ist. So gibt es eine zentrale elektronische Krankenakte, auf die sowohl der Patient selbst als auch die behandelnden Ärzte nach Einwilligung zugreifen können und so die medizinische Versorgung in Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachärzten optimal gestaltet werden kann. Anschließend bezogen wir unser Hotel in Tel Aviv, das direkt an den weißen Mittelleerstränden Israels lag. Es war Freitag – Schabbat, ein Tag, der im Judentum der siebte Wochentag ist, ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Er beginnt wie alle Tage im jüdischen Kalender am Abend und dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag. So war an diesem Abend das traditionelle Schabbatessen, das mit dem Sabbatsegen (Kiddusch) begann, ein besonderes Festmahl. Insgesamt ist Essen DAS Thema in Israel, und jede noch so „kleine“ Zwischenmahlzeit ein kulinarischer Genuss. An diesem Abend war es etwas ganz besonderes, ein Teil dieser Zeremonie sein zu dürfen und wie selbstverständlich integriert zu werden. Zum Abschluss der Woche feierten wir mit unserer sehr homogenen und lustigen Gruppe in einem Tel-Aviver Strandclub.

 

Nach einer wiederum sehr kurzen Nacht verbrachten wir den Vormittag an den Stränden Tel-Avivs, bevor wir dann am Nachmittag von Tel-Aviv zurück nach Berlin flogen. Der Abschied von unseren neuen Freunden Gabi, Hai und Kobi fiel uns dabei nicht leicht. Ein letztes gemeinsames Selfie, dann checkten wir ein und mussten Israel nach einer wundervollen und erlebnisreichen Woche wieder verlassen.

 

Insgesamt erlebten wir eine Woche mit unglaublich vielseitigen Eindrücken. Eine Reise nach Israel können wir deshalb jedem nur ans Herzen legen. Reist nach Israel, erlebt seine Vielseitigkeit und nutzt die Chance, Euch ein eigenes Bild zu machen. Eine prägende und wundervolle Erfahrung und Gelegenheit, die jeder, der sie bekommt einmal nutzen sollte – Shalom!

 

Von Valentino Lombardo

 

 

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