Vortrag und Diskussion

„Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen im öffentlichen Dienst“

  • Forumsdiskussion auf der dbb Jahrestagung mit Prof. Dr. Gesine Schwan, Jasmin Arbabian-Vogel, Prof. Dr. Ute Klammer, und Thomas Eigenthaler

Zum Abschluss der 60. dbb Jahrestagung diskutierte am 8. Januar 2019 eine hochkarätig besetzte Runde vor dem Hintergrund „100 Jahre Frauenwahlrecht“ über den Stand der Gleichstellung in Deutschland und die Situation von Frauen im öffentlichen Dienst.

In ihrem Impulsvortrag unterstrich Prof. Dr. Gesine Schwan, Präsidentin der Humboldt-Viadrina Governance Plattform, die Bedeutung des öffentlichen Dienstes für ein „friedliches und produktives Zusammenleben“. Wie in vielen anderen Organisationen und Unternehmen gebe es aber auch hier die Tendenz, Frauen eher dann in Führungsverantwortung zu holen, „wenn der Karren im Dreck steckt“. Das sei ein Fehler.  „Macht ist nicht nur wichtig in der Gegnerschaft. Macht ist auch die Fähigkeit, Menschen zusammenzuführen. Dieses Verständnis ist bei Frauen ausgeprägter“, so Schwans These.

 

In der anschließenden Diskussion führte sie weiter aus: „Der Geist der Konkurrenz – nicht nur in Geschlechter-Fragen – ist grundsätzlich zu überdenken.“ Anders als die Privatwirtschaft stehe der öffentliche Dienst unter weniger Wettbewerbsdruck und müsse diese Freiheit nutzen, um ein Vorbild für die Gesellschaft zu sein. Dies sei ein wichtiger Beitrag für den sozialen Zusammenhalt.

 

Der Impulsvortrag mit anschließender Diskussionsrunde mi Video

 

Prof. Dr. Ute Klammer betonte, dass der 100. Jahrestag zum Frauenwahlrecht Mut geben könne – aber auch bedenklich stimmen müsse. „Wir haben in den vergangenen 100 Jahren viel Stagnation und auch einige Rückschritte erleben müssen“, sagte die geschäftsführende Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation. „Ich denke, die Frauen, die 1919 dafür gestritten haben, wählen zu dürfen, wären etwas enttäuscht über den heutigen Stand.“ Konkrete Stellschrauben auf dem Weg hin zu mehr Gleichstellung sieht sie vor allem in verbesserten Arbeitszeitmodellen für Eltern. „Wir brauchen etwa eine 30-Stunden-Woche, die beiden Elternteilen für die Betreuung ihrer Kinder zugutekommt.“ Bei einem 21-prozentigen Gender-Pay-Gap sei sonst klar, dass die Frau in Teilzeit gehe und der Mann weiter Vollzeit arbeite.

 

Auch Schwan betonte in diesem Zusammenhang, dass Modelle wie das Elterngeld in der heutigen Form mitunter traditionelle Rollenbilder verstärken könnten. „Wir brauchen einen Mentalitätswandel, dass beide Elternteile in der Verantwortung stehen. Warum sollen nicht beide etwa ihre Arbeitszeit gleichmäßig auf 75 oder 80 Prozent reduzieren?“

 

Jasmin Arbabian-Vogel, Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen, warb dafür, alte Rollenbilder abzulegen. „Wir sollten – wie die Männer – in Netzwerken aktiv sein. Wir Frauen müssen die tradierten Rollenbilder, die immer noch nachwirken, ablegen.“ Mit Blick auf die Feierlichkeiten zum Jahrestag des Frauenwahlrechts stellte sie sich an die Seite von Klammer: „Ich finde die Art, wie 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland gefeiert wurden und werden, skurril. Es wird so getan, als sei das ein reines ‚Frauen-Gedöns-Thema‘. Aus meiner Sicht ist es aber keine Folklore-Veranstaltung. Sondern ein Thema für die gesamte Gesellschaft.“

 

„Wir sind noch lange nicht am Ziel“, befand auch Thomas Eigenthaler, stellvertretender dbb Bundesvorsitzender und Chef der Deutschen Steuergewerkschaft, mit Blick auf die Gleichstellung der Geschlechter. Der dbb Vize forderte ein Ende des „Gönnerhaften“, das vielen Förderungsbemühungen für Frauen in Verwaltungen bisweilen immer noch latent anhänge. Zuspruch, Bestärkung, Mut machen und Coaching müssten, wo benötigt, Selbstverständlichkeiten sein. Einen wesentlichen Ansatzpunkt für eine bessere Verwirklichung der Gleichstellung und mehr Frauen in Führungsposition im öffentlichen Dienst sieht er in den Bewertungskriterien für Beförderungen. „Diese waren, traditionell bedingt, über lange Zeit sehr männlich komponiert und formuliert – und wurden bei der Beurteilung Frauen nicht positiv zugeschrieben, weil es keine Entsprechung gab. Hieran haben wir in der Vergangenheit natürlich schon gearbeitet, aber die Ergebnisse können uns noch nicht zufrieden stimmen. Wir müssen diese Kriterien so formulieren, dass sie nicht aussieben.“

 

Unternehmerin Arbabian-Vogel befand in diesem Zusammenhang: „Führung in Teilzeit funktioniert. Wir müssen weg von der Präsenzkultur und hin zu anlassbedingter Präsenz.“ Quoten könnten ein Instrument sein, um Gleichberechtigung voranzubringen, auch wenn viele junge Frauen damit fremdelten. „Sie sagen, sie wollen nach ihrer Kompetenz bewertet werden. Dennoch: Die gläserne Decke existiert. Wir müssten die bestehende Quote viel weiter fassen, als sie heute festgelegt ist.“

 

Gesine Schwan bekannte, dass sie früher eine Gegnerin von Quoten gewesen sei – dies habe sich aber geändert. Aber: „Rollenbilder in der Gesellschaft, Förderung durch die Politik, Mechanismen der Ökonomie: Für echte Gelichberechtigung müssen viele Dinge gleichzeitig angegangen werden.“

 

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