Ideencampus „Let’s get digital“

Junge Beschäftigte können Digitalisierung vorantreiben

  • Karoline Herrmann, Vorsitzende der dbb jugend„Der Status quo der Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen in Deutschland lässt in vielerlei Hinsicht zu wünschen übrig“, stellte dbb jugend Chefin Karoline Herrmann fest und forderte die bessere Einbeziehung des Know-hows junger Beschäftigter.
  • Ulrich Silberbach, Bundesvorsitzender des dbb beamtenbund und tarifunionAuch dbb Chef Ulrich Silberbach sagt: „Für die Digital Natives sind digitale Arbeitsabläufe selbstverständlich. Sie sind mit moderner Technik, smarten digitalen Anwendungen, Mails und Internet aufgewachsen und bringen ein Know-how und eine Intuition mit, die wir viel stärker nutzen müssen.“
  • Eva Christiansen, Abteilungsleiterin für Innovation und Digitalpolitik im BundeskanzleramtEva Christiansen, Abteilungsleiterin für Innovation und Digitalpolitik im Bundeskanzleramt, berichtete über die Digitalisierungsstrategien und -erfolge der Bundesregierung. Derzeit arbeiten Bund und Länder in 14 Digitalisierungslaboren bundesweit gemeinsam mit Anwendern und Zielgruppen an Lösungen zur Digitalisierung von Verwaltungsdienstleistungen.
  • Publikum beim IdeencampusMit großem Interesse verfolgte das Publikum den Ideencampus und beteiligte sich immer wieder aktiv an der Diskussion.
  • Stefanie Hecht, Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssystem FOKUSStefanie Hecht vom Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssystem FOKUS nahm die Nutzerperspektive in den Blick: „Wenn die Leute, die später mit der Anwendung arbeiten sollen, frühzeitig in den Prozess einbezogen werden, lässt sich die Gebrauchstauglichkeit der Software, die sogenannte Usability, signifikant verbessern.“
  • Fishbowl-Diskussion mit Vorstandsmitgliedern der ParteijugendorganisationenIn der Fishbowl diskutierten Sepp Parzinger von den Jusos (2.v.l.n.r.), Maximilian Görlich von der Jungen Union, Ria Schröder von den Jungen Liberalen, Max Lucks von der Grünen Jugend und Maximilian Schulz von der linksjugend verschiedene Themen, die von den Campus-Teilnehmenden aufgerufen wurden – auf diesem Bild hatte sich dbb jugend Vize Philipp Mierzwa in Sachen Fachkräftemangel zu Wort gemeldet.
  • Workshop 1 mit dbb Vize Jürgen BöhmÜber die nationalen und internationalen Herausforderungen und Auswirkungen der Verwaltungsdigitalisierung diskutierten dbb Vize Jürgen Böhm („Ausbildungs- und Prüfungsordnungen“), …
  • Workshop 2 mit Janna Gall, stellvertretende Bundesvorsitzende der dvg-JUGEND… Janna Gall („Blick über den Tellerrand“) stellvertretende Bundesvorsitzende der dvg-JUGEND, …
  • Workshop 3 mit Christina Dahlhaus, Bundesvorsitzende der Kommunikationsgewerkschaft DPVKOM… und Christina Dahlhaus („Mitbestimmung“), Bundesvorsitzende der Kommunikationsgewerkschaft DPVKOM.
  • dbb jugend Vize Liv Grolikdbb jugend Vize Liv Grolik zeigte sich bei ihrem Schlusswort positiv gestimmt: „Der heutige Ideencampus zeigt, dass nun endlich ordentlich Bewegung und Dynamik in das Thema Digitalisierung kommt – auch die Politik hat erkannt, dass wir hier vorankommen müssen.“

Gerade die jungen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Deutschland können die dringend erforderliche Digitalisierung voranbringen – wenn man sie lässt. So lautete eins der wesentlichen Erkenntnisse des ersten Ideencampus‘ der dbb jugend, der am 22. Oktober 2019 junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Politikerinnen und Politiker sowie zahlreiche Expertinnen und Experten aus Verwaltung und Wissenschaft im dbb forum berlin versammelte, um über die digitale Transformation des öffentlichen Dienstes zu diskutieren.

„Die Ausgangslage ist denkbar schlecht: Der Status quo der Digitalisierung des öffentlichen Dienstes und öffentlicher Dienstleistungen in Deutschland lässt in vielerlei Hinsicht zu wünschen übrig“, stellte dbb jugend Chefin Karoline Herrmann in ihrem Eröffnungsimpuls kritisch fest. So liege Deutschland im aktuellen vom Nationalen Normenkontrollrat herausgegebenen Monitor „Digitale Verwaltung“ weiterhin abgeschlagen auf Platz 19 im EU-weiten Vergleich. „Angefangen bei der IT-Ausstattung von Behörden und Verwaltungen über die seit Jahren nur ausgesprochen schleppend vorankommende Digitalisierung von Verwaltungsprozessen bis hin zum überwiegend noch immer suboptimalen Auftritt des Staats in der digitalen Öffentlichkeit, dem Internet: Überall bröckelt reichlich Steinzeit-Staub von Decken und Wänden“, so Herrmann. Die Beschäftigten, insbesondere die jüngeren Digital Natives, die im Alltag längst digital lebten, Online-Dienstleistungen verschiedenster Branchen tagtäglich und selbstverständlich in Anspruch nähmen, fühlten sich mit Dienstbeginn nicht selten „zurück katapultiert in eine analoge Welt, die absurde Züge trägt: Wenn das Hochfahren des Büro-PCs eine geschlagene Viertelstunde dauert, wenn Polizistinnen und Polizisten im Einsatz lieber ihr privates Smartphone nutzen anstatt sich am Analog-Funkgerät einen Bruch zu heben, läuft doch irgendwas falsch. Dass sich Verwaltungen und Behörden bei länderübergreifenden Angelegenheiten regelmäßig und einzelfallbezogen ins komplizierte Benehmen miteinander setzen müssen, ist auch nicht gerade die Spitze digitaler Weiterentwicklung des Staatshandelns, sondern eher peinlich und, wenn es um Angelegenheiten der inneren Sicherheit geht, auch noch hochgradig gefährlich“, warnte die dbb jugend Vorsitzende und appellierte: „Das natürliche Expertenwissen junger Beschäftigter muss anerkannt und gemeinsam mit dem Erfahrungswissen der Älteren aktiv genutzt werden. Wir sehen eine große Chance in Begegnungen auf Augenhöhe mit den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, von denen beide Seiten profitieren.“ Ganz entscheidend für eine erfolgreiche Digitalisierung sei die adäquate Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten. „Da sich die Anforderungen schnell wandeln, müssen die Inhalte in Studium und Ausbildung fortlaufend aktualisiert werden. Die Basiskompetenzen digitalen Verwaltungshandelns und Veränderungskompetenz müssen fachspezifisch, berufsgruppen- und laufbahngerecht vermittelt werden. Nur so kann eine fortlaufende Modernisierung der Dienststellen gelingen.“

 

Herrmann betonte: „Der öffentliche Dienst und namentlich seine Beschäftigten sind nicht die Bremser der Digitalisierung. Sie sind die Digitalisiererinnen und Digitalisierer! Sie sind die Change Agents! Nur mit ihnen wird der digitale Transformationsprozess, zu dem es keinerlei Alternative gibt, gelingen. Deswegen sind alle Ansätze, die aus den Fehlern vergangener Verwaltungsmodernisierungen nichts gelernt haben, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wer meint, man könne das Kind schon schaukeln, wenn nur wieder Horden von aberwitzig teuren Beratern in feinem Zwirn durch die Amtsstuben ziehen, ist auf dem Holzweg. Das Wissen um die Bedürfnisse und Erfordernisse der Digitalisierung ist doch schon längst da! Denn der Mensch steht im Mittelpunkt des Staatsdienstes: Zum einen sind es die Bürgerinnen und Bürger. Zum anderen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im öffentlichen Dienst: Die Digitalisierung des Verwaltungs- und Behördenhandelns muss sich in jeder Hinsicht an den Nutzerinnen und Nutzern orientieren, wenn sie breite Akzeptanz finden soll.“ Das Gelingen der digitalen Transformation des öffentlichen Dienstes ist entscheidend für das Vertrauen der Menschen in ihren Staat“, unterstrich Herrmann. „Ein öffentlicher Dienst, der heutzutage digital nicht präsent ist und leistet, vernachlässigt einen wesentlichen Bereich der Daseinsvorsorge und verliert ganz zwangsläufig die Akzeptanz der Menschen. Nicht nur die der Bürgerinnen und Bürger, sondern auch die der Beschäftigten. Dass laut der aktuellen dbb Bürgerbefragung von forsa mehr als 60 Prozent der Menschen den Staat bei der Erfüllung seiner Aufgaben schon jetzt für überfordert halten, kommt ja nicht von ungefähr, sondern hat manifeste Gründe. Ein Weiter so darf es daher nicht geben.“

 

Die Digitalisierung sei eine großartige Chance, den öffentlichen Dienst in Deutschland besser zu machen. „Durch die Digitalisierung tausender einfacher Verwaltungsprozesse können wir Kapazitäten freisetzen, die den Kolleginnen und Kollegen wieder mehr Raum für ihren Dienst am Menschen verschaffen. Für Service, für Beratung, für das Da-Sein bei Problemen, Sorgen und Nöten. Dass sie hierfür schon lange, lange nicht mehr die Zeit haben, die sie eigentlich bräuchten, hat schon zu viele Kolleginnen und Kollegen zermürbt, ganz zu schweigen von dem Unmut der Bürgerinnen und Bürger über den nicht funktionierenden Staat, der sich zunehmend in verbaler und physischer Gewalt Bahn bricht. Das muss aufhören“, machte die dbb jugend Chefin deutlich. „Der öffentliche Dienst ist immer da, er hält Land und Leute am Laufen und zusammen, auch in Zeiten großer politischer Herausforderungen. Er darf jetzt bei Digitalisierung nicht abgehängt werden“, forderte Herrmann.

 

Silberbach: „Viele Antworten auf Zukunftsfragen“

Unterstützung erhielt die dbb jugend Vorsitzende von dbb Chef Ulrich Silberbach, der in der Digitalisierung „viele Antworten auf Zukunftsfragen“ sieht. Die Politik forderte er auf, die Digitalisierung der Verwaltung systematisch und mit Nachdruck umzusetzen, dies sei höchste Zeit. Silberbach bekräftigte die Forderung der dbb jugend nach einer besseren Nutzung der Potenziale, die die jungen Kolleginnen und Kollegen mit in den öffentlichen Dienst brächten: „Für die Digital Natives sind digitale Arbeitsabläufe selbstverständlich. Sie sind mit moderner Technik, smarten digitalen Anwendungen, Mails und Internet aufgewachsen und bringen ein Know-how und eine Intuition mit, die wir viel stärker nutzen müssen.“ In Anbetracht der bislang nur stockend vorankommenden digitalen Transformation staatlicher Dienstleistungen halte er es für dringend geboten, „die eigenen Talente zu fördern und zu fordern. Wir brauchen keine millionenteuren Beratungsfirmen – das Anwendungs- und Nutzerwissen in Sachen Digitalisierung sitzt in Gestalt der jungen Menschen bereits in den Behörden und Verwaltungen. Sie sind die Experten und Change Agents, die wir brauchen, um die Digitalisierung des öffentlichen Dienstes zielführend zu gestalten und zu einem Erfolgsprojekt zu machen“, so Silberbach.

 

Christiansen: „Digitalisierung muss erlebbar werden“

Eva Christiansen, Abteilungsleiterin für Innovation und Digitalpolitik im Bundeskanzleramt, berichtete über die Digitalisierungsstrategien und -erfolge der Bundesregierung. Hier sei in der neuen Legislaturperiode bereits Einiges auf den Weg gebracht worden – ausgehend von der Prämisse, „dass wir keine Erkenntnis-, sondern Umsetzungsprobleme haben“. In die Umsetzung der Digitalstrategie der Bundesregierung investiere man nun die ganze Kraft, versicherte Christiansen. So hätten alle Ressorts in drei agilen Workshops nutzerorientierte Umsetzungsplanungen für alle wesentlichen politischen Schwerpunktbereiche entwickelt. „Das große Problem ist bislang, dass vor allem die Bürgerinnen und Bürger die Digitalisierung der Staatsdienste nicht erfahren können. Das wollen wir jetzt zügig ändern. Digitalisierung muss erlebbar werden.“ Auf einem permanent aktualisierten Online-Dashboard, das perspektivisch veröffentlicht werden soll, könne künftig jede und jeder genau verfolgen, welche Dienstleistungen des Staates wo digital zur Verfügung stehen.

 

Als eine Ursache für die „gefühlte Ewigkeit“ der digitalen Transformation in Deutschland nannte Christiansen die föderalen Organisations- und Rechtsgrundlagenstrukturen. „Wir mussten immerhin erst das Grundgesetz ändern, damit Bund und Länder für das Online-Zugangsgesetz überhaupt zusammen arbeiten dürfen“, erinnerte sie. „So etwas bremst natürlich auf dem Weg zum modernen Staat.“ Zugleich nutze man indes auch die operativen Vorteile, die der Föderalismus biete: Anstatt 16 mal ein neues Programm für einen überall gleichen Prozess zu schreiben, habe man die zu digitalisierenden Verfahren schwerpunktmäßig auf bundesweit 14 Digitalisierungslabore aufgeteilt, in denen jeweils Bund, Länder, Anwender und Zielgruppen gemeinsam an den Lösungen arbeiten. „Die nächste Herausforderung wird dann natürlich das Roll-out der Anwendungen“, räumte Christiansen ein, „hierzu müssen insbesondere noch zahlreiche rechtliche Anpassungen erfolgen, damit letztlich überall im Land jeweils die vollständige Digitalisierung vom Antrag bis hin zum Bezahlvorgang realisiert werden kann.“ Gleichwohl erfolge mit der Entwicklung der Prototypen bereits ein großer Umsetzungsschritt. „Bis 2021 werden wir wirklich liefern können“, versprach die Abteilungsleiterin.

 

Kontinuierlich begleitet und beraten werde die Bundesregierung bei der Modernisierung von Staat und Verwaltung vom Digitalrat, einem Gremium externer Experten, berichtete Christiansen. Mit Blick auf den modernen Staat hätten diese vier Empfehlungen formuliert:

 

  • Der Staat und seine Strukturen müssen agiler werden – weg vom bislang „typisch deutschen“ Risiko-Vermeidungsdenken hin zum Ausprobieren, verbunden mit Problem-Splitting und der Freiheit, auch einmal Fehler zu machen.
  • Der Austausch des Staats mit externen Kompetenzen muss massiv ausgebaut werden, um das staatliche Mindset um neue Perspektiven und Aspekte zu bereichern.
  • Der Staat und seine Mitarbeiterstruktur müssen interdisziplinärer werden – nicht nur Juristen und Volkswirte sind künftig gefragt, sondern ebenso andere Fachdisziplinen und beispielsweise Projektmanager, Mediatoren oder Designer.
  • Der Staat muss seinen Beschäftigten flächendeckend auf allen Ebenen und generationsübergreifend digitale Kompetenzen vermitteln und zur Verfügung stellen.

 

Christiansen betonte, dass die digitale Transformation des öffentlichen Dienstes insbesondere von den Beschäftigten viel verlange. „Viele werden umdenken, neue Wege einschlagen müssen. Dabei dürfen sie nicht alleine gelassen werden, denn wir werden diese Herausforderung nur gemeinsam mit den Menschen, die im öffentlichen Dienst arbeiten, erfolgreich meistern.“ Ein weiterer roter Faden des Digitalisierungserfolgs sei Führung: „Nur, wo Digitalisierung Chefsache ist und entsprechend gelebt wird, funktioniert sie auch, das haben uns die mittlerweile zahlreichen Best Practices gelehrt.“

 

Hecht: „Lost in Fachverfahren?“

„Lost in Fachverfahren?“ hatte Stefanie Hecht vom Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssystem FOKUS über ihren Impulsvortrag geschrieben. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Digital Public Services (DPS) ging der Frage nach, wie sich IT-Projekte in der Praxis erfolgreich umsetzen lassen: „Das gelingt vor allem, wenn die Leute, die später mit der Anwendung arbeiten sollen, frühzeitig in den Prozess einbezogen werden. Damit lässt sich die Gebrauchstauglichkeit der Software, die sogenannte Usability, signifikant verbessern und sogar Geld sparen, weil nicht erst nach Inbetriebnahme der Anwendung aufwändig umprogrammiert werden muss.“ Diese auf überprüfbaren methodischen Standards beruhende Herangehensweise bei der Implementierung digitalisierter Arbeitsvorgänge sei bei Start-up-Unternehmen üblich. „Die Start-ups sind zwar in der Weiterentwicklung von IT-Prozessen sehr innovativ, haben aber in der Regel begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung und versuchen deshalb möglichst genau herauszubekommen, was ihre Nutzer brauchen“, erläuterte Hecht.

 

„Weil auch im Bereich der öffentlichen Verwaltung kein Geld für große Experimente bei der Verwaltungsdigitalisierung vorhanden ist, sind wir vom Leibnitz-Institut dort inzwischen immer häufiger als Berater gefragt“, berichtete die Expertin. Gemeinsam mit ihrem Digital-Public-Services-Team hat sie beispielsweise Digitalisierungsprojekte in der nordrhein-westfälischen Landesverwaltung, bei der die digitale Modellbehörde in Hessen, im E-Justice-Projekt in Baden-Württemberg sowie im Amt für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg auf ihre Gebrauchstauglichkeit untersucht. „Unsere Usability-Begleitung erfolgt jeweils aus vier Arbeitsschritten: Verstehen, spezifizieren, gestalten und evaluieren, wobei wir für den letzten Verfahrensschritt intensiv mit den von der Umstellung Betroffenen kommunizieren.“

 

Die Evaluierung besteht aus einem Mix empirischer und analytischer Methoden: „Zu den analytischen Methoden gehört etwa die Untersuchung auf Standardkonformität nach DIN- und ISO-Richtlinien. In Kombination mit empirischen Anwendertests lässt sich dann ein realistisches Bild von Stärken und Schwächen eines Projektes gewinnen.“ Konkret liefen die Tests unter anderem so ab, dass jeweils eine nicht geschulte Testperson in Gegenwart zweier Tester vom Fraunhofer-Institut durch die neue IT-Anwendung klickt und laut darüber sprechen soll, welche Fehler und Vorzüge sie wahrnimmt, oder Aufgaben ausführt und den Verlauf der Tätigkeit kommentiert. „So lässt sich eine Software passgenau für die Bedürfnisse der jeweiligen Verwaltung anpassen“, erklärte Stefanie Hecht.

 

Partei-Jugenden in der Fishbowl

In der Fishbowl-Runde des Ideencampus‘ stellten sich Ria Schröder von den Jungen Liberalen, Maximilian Görlich von der Jungen Union, Max Lucks von der Grünen Jugend, Sepp Parzinger von den Jusos und Maximilian Schulz von der linksjugend den Fragen aus dem Publikum zur Zukunft des öffentlichen Dienstes.

 

Ria Schröder, Bundesvorsitzende der JuLis, sprach sich für ein Digitalministerium auf Bundesebene aus, warnte aber vor unsachgemäßem Vorgehen bei der Zentralisierung der Digitalisierungsprozesse in der Verwaltung: „Es sollte eine Koordinierungsstelle geben, die als Schnittstelle fungiert, die die unterschiedlichen Verwaltungsebenen untereinander, aber auch ebenübergreifend vernetzt – im Sinne einer Best-Practice-Austauschplattform.“ Wichtig sei eine demokratische Ausgestaltung der digitalen Prozesse. Skeptiker müssten ebenso mitgenommen werden wie digital aufgeschlossene Beschäftigte. „Nur dann wird man damit nachhaltig Erfolg haben“, meint Schröder. Mehr Mut beim Einsatz von Open-Source-Anwendungen und dem Experimentieren mit agilen Projektstrukturen könnte aus Sicht der jungen liberalen Politikerin auch dazu beitragen, einerseits die Digitalisierung zu beschleunigen und andererseits, junge IT-affine Nachwuchskräfte für eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst zu gewinnen. Aber auch in Sachen Weiterbildung müsste dringend ein neues Bewusstsein geschaffen werden, um die vorhandenen Fachkräfte zu motivieren. „Die Ausbildung endet nicht mit dem Abschluss. Man ist nie fertig. Lebenslanges Lernen bedeutet, dass man jeden Tag dazu lernt. Das muss als Chance gesehen werden im Sinne von: Mein Berufsleben wird nie langweilig“, machte Schröder deutlich.

 

Skeptisch gegenüber einer zu zentralisiert ausgerichteten Digitalisierung zeigte sich Maximilian Görlich von der Jungen Union. „Entscheidend ist, dass wir die Beschäftigten mitnehmen und den Prozess demokratisieren. Dazu gehört auch, gute Lösungen und Kompetenzen verschiedener Ebenen anzuerkennen und zu schützen.“ Um entsprechend befähigtes Personal für die Umsetzung der Digitalisierung von Behörden und Verwaltungen zu finden, müssten attraktive Arbeitsbedingungen geschaffen werden, so Görlich, zugleich sei indes eine massive Stärkung der IT-Kompetenzen im gesamten Bildungsbereich angezeigt: „Wir müssen schon in der Schule damit beginnen, nachhaltige Digitalkompetenzen auszubilden, und dies dann auch konsequent über alle nachfolgenden Aus- und Weiterbildungen fortführen“, forderte er. Die Berliner Junge Union setze sich beispielsweise für ein obligatorischen IT-Modul in sämtlichen Studiengängen an den Berliner Hochschulen ein, berichtete Görlich. Im Gegensatz zu seinem Mitdiskutanten Sepp Parzinger von den Jusos sprach sich Görlich strikt gegen die Aufnahme von neuen Schulden für Investitionen in den öffentlichen Dienst aus: „Die Steuereinnahmen sind so hoch wie nie zuvor, das Geld ist also da. Wir müssen nur die Prioritäten in der Ausgabensteuerung neu festlegen“, so Görlich, eine Neuverschuldung sei mit Blick auf die nachfolgenden Generation unverantwortlich.

 

„Die Zeit des Kaputtsparens muss vorbei sein“, hielt Juso Sepp Parzinger dagegen. Die Digitalisierung sei eine der herausragenden Zukunftsaufgaben, und digitale Infrastruktur koste nun einmal Geld, machte er deutlich. „Hier muss der Bund Mittel in die Hand nehmen, die Politik der schwarzen Null ist keine Lösung.“ Investitionen verlange Parzinger auch für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Qualifizierung der Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Der digitale Staat werde von den Bürgerinnen und Bürgern nur dann akzeptiert werden, „wenn die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes Sicherheit und Vertrauen in dem, was sie tun, ausstrahlen. Dafür müssen sie entsprechend qualifiziert werden, und zwar dauerhaft“, forderte Parzinger und sprach sich für einen verbindlichen Rechtsanspruch der Beschäftigten auf Weiterbildung aus. Anstrengungen müssten auch unternommen werden, um die Arbeit im öffentlichen Dienst attraktiv für junge Menschen zu machen: „Attraktiv wird man, indem man besser wird. Nicht nur in Sachen Bezahlung, sondern auch mit modernen Arbeitszeitmodellen, die eine gute Vereinbarkeit von Privat und Beruf ermöglichen.“ Ein Recht auf Homeoffice sei für ihn gut vorstellbar, so Parzinger. Mit Blick auf die Tatsache, dass die Menschen dank der neuen Technologien auch immer produktiver würden, sprich weniger Zeit für die gleiche Arbeit bräuchten, könnte man zudem über eine generelle Arbeitszeitverkürzung nachdenken, regte der Juso an.

 

In der besseren Vernetzung der einzelnen Verwaltungsebenen sieht der Junge Grüne Max Lucks eine drängende Herausforderung der Digitalisierung. Insbesondere in sensiblen Bereich wie der inneren Sicherheit müssten technische Systeme regionalübergreifend sinnvoll kommunizieren und dazu beitragen, zwischen den Behörden wichtige Hinweise auszutauschen. Der Fall des Attentäters Amri habe eindrücklich gezeigt: „Das muss Priorität haben.“ Um der Angst vor Stellenabbau durch die Einbindung intelligenter Systeme in Verwaltungsprozesse zu begegnen, bedürfe es einer positiven Vision des digitalen Wandels. „Wie können wir die positiven Effekte der Digitalisierung für die Beschäftigten gewinnbringend nutzen? Und zwar so, dass sie den Menschen helfen, anstelle sie mit bürokratischen Prozessen zu überfordern?“, erläuterte Lucks seine Forderung nach einer „positiven Erzählung für die Digitalisierung des öffentlichen Dienstes“. Dies sei aber auch eine Frage der bedarfsgerechten Weiterbildung der Beschäftigten. „Wir brauchen einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung und ein System, das jene belohnt, die sich fortbilden.“ Die Frage nach der Finanzierung des digitalen Wandels müsse schnell geklärt werden und dürfe nicht unter dem Aspekt der Generationengerechtigkeit verschleppt werden. „Für die nachfolgenden Genrationen können wir uns kaputte Schulen, kaputte Straßen und eine fehlende digitale Infrastruktur nicht leisten“, so Lucks.

 

Digitale Angebote der Verwaltungen müssen nach Ansicht von Maximilian Schulz, linksjugend, niedrigschwellig, intuitiv im Zugang und in leichter Sprache verfasst sein, um alle Bürgerinnen und Bürger zu erreichen. „Es muss überall einfach sein, einen Reisepass zu beantragen“, betonte Schulz, räumte allerdings zugleich ein, dass der Staat stets einen „Spagat zwischen Rechtssicherheit und einfacher Sprache“ leisten müsse. Die technischen Grundlagen müssten in allen Bundesländern einheitlich, mindestens aber kompatibel sein, forderte Schulz. Gleichzeitig müsse immer die Frage gestellt werden, was ist gute und was ist notwendige technische Ausstattung, um eine regionale Spaltung der Verwaltungseinheiten zu verhindern. „Ungleiche Arbeitsmodi in der Verwaltung sind eine große Hürde. Funktionalität muss Priorität haben“, appellierte Schulz. Die Digitalisierung erfordere zudem eine Neudefinition des Arbeitsbegriffs. Beschäftigte sollten dort entlastet werden, wo Arbeitsaufkommen durch technische Innovation eingespart werden könne. Gleichzeitig müssten die Arbeitsergebnisse als Maßstab für Arbeitsleistung anerkannt werden und nicht, wie bisher, die Anwesenheitszeit am Arbeitsplatz. Sepp Parzingers Vorschlag eines Anspruchs auf Weiterbildung unterstützte Schulz, betonte aber: „Weiterbildung darf nicht vom Volumen des Geldbeutels abhängen. Außerdem müssen die Qualifikationen bundesweit anerkannt werden.“

 

Workshops zum Paradigmenwechsel

Nach einem auflockernden Break mit dem Improvisationstheater „Die Gorillas“ kamen die Campus-Teilnehmenden in drei Workshops zusammen, um spezifische Digitalisierungs-Aspekte zu vertiefen. Jürgen Böhm, stellvertretender dbb Bundesvorsitzender, diskutierte in seiner Gruppe „Notwendige Änderungen in den Ausbildungs- und Prüfungsordnungen aufgrund der Digitalisierung“. Fazit: Änderungen sind zwingend notwendig, sowohl in der Ausbildung des öffentlichen Dienstes als auch an den ausbildenden Hochschulen. Hier wie dort seien neben technischen Fähigkeiten und Digitalkompetenzen als Querschnittswissen auch Methoden- und Organisationskenntnisse (mit Blick auf New Work) zu ergänzen. Lebenslanges Lernen muss zur Selbstverständlichkeit werden, Führungskräfte sollen künftig proaktiv zu Fort- und Weiterbildung ermuntern, digitale Lehr-, Lern- und Prüfungsformate sollen Einzug in den Ausbildungs- und Arbeitsalltag halten, so die Forderungen der Workshop-Teilnehmenden. „Das bedeutet nicht weniger als einen fundamentalen Paradigmenwechsel in Aus- und Weiterbildung“, machte dbb Vize Böhm deutlich.

 

Den „Blick über den Tellerrand“ warf die Gruppe um Jana Gall im Workshop „Digitale Verwaltung international“. Die Länderbeispiele Estland, Norwegen und Südkorea zeigten: „Es geht doch! Es gibt international viele gute Beispiele, von denen man in Deutschland lernen kann“, fasste Gall zusammen. Und der Blick ins Ausland zeige auch, dass die digitale Transformation überall finanzielle Investitionen gebraucht und viel Zeit in Anspruch genommen habe – Deutschland also auch in dieser Hinsicht kein Ausnahmefall sei. „Vieles muss nun gemeinsam, zielgerichtet und mutig angegangen werden“, zeigte der Workshop, und Gall betonte, dass aktuell durchaus schon wichtige Steuerungsstrukturen geschaffen würden und auf allen Ebenen intensiv an der Digitalisierung gearbeitet werde – „wir dürfen also schon eher hoffnungsvoll in die Zukunft blicken“, wagte die Workshop-Leiterin vorsichtigen Optimismus.

 

Christina Dahlhaus, Bundesvorsitzende der Kommunikationsgewerkschaft DPVKOM, überlegte sich mit ihren Workshop-Teilnehmenden, was Digitalisierung für PersonalvertreterInnen und BetriebsrätInnen bedeutet. Wichtigstes Ergebnis: „Die Lösungen der Herausforderung Digitalisierung für die Beschäftigten liegen im Bereich der Mitbestimmung“, so Dahlhaus‘ Resümee, und dementsprechend sei eine Erweiterung der mitbestimmungsrechtlichen Kompetenzen für Betriebs- und Personalräte unabdingbar. „Digitalisierung war bislang weder Thema noch Regelungstatbestand in Personalvertretungs- und Betriebsverfassungsgesetz, das müssen wir ändern“, so Dahlhaus. Denn die neuen Technologien brächten neue Arbeitsformen, Arbeitsmodelle und Möglichkeiten der Datenerfassung und -auswertung mit sich, die dringend der Mitsprache der Beschäftigtenvertretungen bedürften, „um die Kolleginnen und Kollegen vor negativen Auswirkungen der Digitalisierung wie etwa Entgrenzung oder Entwertung der Arbeit wirksam zu schützen“.

 

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