Generationengespräch

"Wir müssen Europa näher an die Menschen rücken"

  • Karoline Herrmann im Gespräch mit Horst-Günther KlitzingDie Vorsitzende der dbb jugend, Karoline Herrmann, im Gespräch mit Horst-Günther Klitzing, Vorsitzender der dbb bundesseniorenvertretung.

Im Vorfeld der Europawahl haben die Vorsitzende der dbb jugend (Bund), Karoline Herrmann, und Horst Günther Klitzing, Vorsitzender der dbb bundesseniorenvertretung, darüber gesprochen, welche Rolle Europa in ihrem Leben spielt.

Sie hat quasi in Europa laufen gelernt. Er erinnert sich lebhaft an die Angst vor einem neuen Krieg, die bei jeder unvorhersehbaren politischen Entwicklung aufkeimte, als er ein Kind war. Überzeugte Europäer sind sie beide. 

 

„Ich komme gerade von unserem letzten Bundesjugendausschuss-Treffen – nach dem Bundesjugendtag das höchste Beschlussgremium der dbb jugend mit Vertreterinnen und Vertretern aller Fachgewerkschaften. Und es wird Sie sicher nicht überraschen, dass dort – neben dem Megatrend Digitalisierung – Europa das dominierende Thema war. So kurz vor den Europawahlen haben wir natürlich ausgiebig über die aktuellen politischen Entwicklungen im europäischen Raum diskutiert“, begrüßt Karoline Herrmannn den dbb Seniorenchef Horst Günther Klitzing – und schon sind die beiden mittendrin in ihrem Gedankenaustausch über das Phänomen Europa.

 

Im Grunde sei Europa eines der „ewigen“ Themen, die der dbb jugend immer am Herzen liegen. „Zum Ausdruck kommt das sowohl in unserer AG Jugend in Europa, die regelmäßig zusammentrifft und das Geschehen auf der EU-Bühne für uns im Auge behält, als auch durch die CESI Youth, unsere europäische Dachorganisation. Dort steht mit Matthäus Fandrejewski von der komba jugend sogar einer von uns an der Spitze.“

 

Von angeregten Diskussionen einer ebenfalls nur wenige Tage zurückliegenden Sitzung weiß auch Horst Günther Klitzing zu berichten: „Die Europawahl war auf der Frühjahrstagung der dbb bundesseniorenvertretung selbstverständlich auch Thema, wenn auch nur eines von vielen. Sie müssen bedenken, dass der dbb Bundesseniorenkongress erst im November vergangenen Jahres eine neue Geschäftsführung gewählt hat. Meine Kollegin Anke Schwitzer sowie die Kollegen Siegfried Damm, Max Schindlbeck, Klaus-Dieter Schulze und ich sind derzeit intensiv damit beschäftigt, die seniorenpolitische Agenda des dbb weiterzuentwickeln und alle Themen, die in den vergangenen fünf Jahren von der ersten Seniorengeschäftsführung in der Geschichte des dbb unter Wolfgang Speck angepackt wurden, fest in der Hand zu behalten. „Deshalb haben wir uns ausführlich mit vielen Fragen und Entwicklungen rund um die Themen Altersversorgung, Gesundheit, Pflege und Teilhabe beschäftigt.“

 

Was die Europawahlen angeht, setze er auf das wache, rege Interesse, mit denen die dbb Senioren auch politischen Entwicklungen nachspürten. „Wir haben es hier mit Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern zu tun, die sich ihr Berufsleben lang für Gerechtigkeit eingesetzt haben. Denen muss ich keine Unterrichtstunde darüber halten, wie wichtig es ist, gerade jetzt europäisch demokratisch zu wählen, wo überall im EU-Raum populistische und nationalistische Kräfte auf dem Vormarsch sind“, sagt der pensionierte Gymnasiallehrer. Zur Sicherheit und um möglichen Europaskeptikern auf die Sprünge zu helfen, habe er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Frühjahrstagung den Wahlaufruf der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) vorgestellt, in der die dbb bundesseniorenvertretung Mitglied ist. „Und wir machen, wo es geht, Werbung für die Teilnahme an der Europawahl. Ich habe allerdings den Eindruck, dass wir bei den Seniorinnen und Senioren offene Türen einrennen.“

 

Eine hohe Bereitschaft, sich mit Europa auseinanderzusetzen, attestiert Karoline Herrmann überdies der Altersgruppe U-30 – auch, wenn sich häufiger kritische Untertöne in die Diskussionen mischen. „Nehmen wir mich als Beispiel. Ich bin 1990 in Mecklenburg-Vorpommern zur Welt gekommen und habe gerade noch eine DDR-Geburtsurkunde bekommen, aber bereits als Europäerin laufen gelernt. Für meine Generation ist es eine Selbstverständlichkeit, Europa als großes Zuhause zu betrachten, in dem wir uns frei bewegen, lernen und arbeiten können. Dazu zählt auch der Frieden, den die EU maßgeblich über Jahrzehnte gesichert hat. All das wird uns im Zuge der Brexit-Diskussion eindrucksvoll vor Augen geführt.

 

Insofern ist es gut und sehr wichtig, dass so intensiv über den Brexit berichtet wird. Auch wenn es einem mittlerweile fast den letzten Nerv raubt und man wirklich Mühe hat, Verständnis für dieses Theater aufzubringen. Aber wie gesagt: Die Konsequenzen, die Großbritannien durch den Brexit drohen, zeigen, was wir ohne die EU alles verlieren würden. Wenn wir in unseren Reihen fragen, was mit Blick auf Europa das Schlimmste wäre, lautet die Antwort aktuell immer: ,ein Dexit.‘ Das ist die Lehre, die die meisten jungen Menschen aus dem Brexit ziehen. Diesen Schwungpro Europa müssen wir aufgreifen und mitnehmen.“

 

„Ich stimme Ihnen zu, möchte aber noch etwas konkreter werden, wenn es darum geht, proeuropäische Lehren aus diesem Dilemma zu ziehen“, entgegnet Horst Günther Klitzing. „Letzten Endes haben die Diskussionen rund um den Brexit deutlich gemacht, dass wir uns europapolitisch dringend von der übermäßigen Fixierung auf gemeinsame wirtschaftliche Interessen verabschieden müssen. Wir sollten zu den Idealen der Französischen Revolution zurückkehren: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – darin stecken aus meiner Sicht die wirklich tragfähigen Werte. Das Europa von heute ist ein einzigartiger Kommunikations- und Kulturraum, dessen Fortbestehen wir nicht fahrlässig aufs Spiel setzen sollten. Die Annehmlichkeiten, die er uns bietet, dürfen wir nicht allzu selbstverständlich hinnehmen.“

 

„Wenn wir mit Erfolg gegen solche Europalethargie und sogar -skepsis antreten wollen, müssen wir jede Möglichkeit nutzen, Europa näher an die Menschen zu rücken. Wir sollten besser kommunizieren, was Europa für jede Einzelne und jeden Einzelnen bedeutet“, gibt Karoline Herrmann zu bedenken. „Aktuell versuchen wir das mit der Videokampagne zur Europawahl ,Wo begegnet Dir Europa?‘, in der Menschen aus dem öffentlichen Dienst in ganz Deutschland mit ihren eigenen Worten erklären, welche Rolle Europa in ihrem Leben spielt, ob beruflich oder privat.“

 

Das Konzept der dbb jugend-Kampagne, das komplexe Konstrukt Europa in individuellen Geschichten greifbar zu machen, hält Horst Günther Klitzing für ausbaufähig. „Meine Generation könnten Sie zum Beispiel fragen ,Wann sind Sie wie auf Europa gekommen?‘“ „Gut, probieren wir es aus: ich frage Sie“, sagt Karoline Herrmann mit einladender Geste. Horst Günther Klitzing überlegt kurz und beginnt dann zu erzählen. „Wenn ich darüber nachdenke, haben sich die Sympathie für Europa und das Bekenntnis zum europäischen Gedanken bei mir mit zunehmender Lebenserfahrung entwickelt. Während meiner Kindheit – ich bin Jahrgang 1948 – flammte bei jedem unvorhersehbaren politischen Ereignis die Angst vor dem Ausbruch eines weiteren Krieges auf. Die europäische Einigung spielte im Alltag keine große Rolle.

 

Das änderte sich, als der französische Staatspräsident Charles de Gaulle 1962 Deutschland besuchte. Ich war 14 Jahre alt und verfolgte die Annäherung der beiden großen alten Staatsmänner Adenauer und de Gaulle mit wachsendem Interesse. Dann kam die Sensation: de Gaulle hielt seine Rede in Bonn in deutscher Sprache! Und auf einmal breitete sich Hoffnung aus, dass Franzosen und Deutsche, ehemals erbitterte Erzfeinde, zu einer Aussöhnung finden könnten. Aus diesem Geiste entwickelte sich das Deutsch-Französische Jugendwerk, das die ersten Schüleraustauschaktionen organisierte. 1966 zog ich dann aus Nordrhein-Westfalen ins Saarland – und bekam Europa pur. Aufgrund dieser persönlichen Erfahrungen bleibt die deutsch-französische Kooperation für mich der Motor der europäischen Integration. Was de Gaulle und Adenauer in den 1960ern begonnen haben, muss von Bundeskanzlerin Merkel und Staatspräsident Macron unbedingt weiterentwickelt werden.“

 

„Ich denke, auch die Europäische Union selbst könnte gute Argumente für ihre Existenz liefern“, greift Karoline Herrmann die Idee von der Weiterentwicklung auf. „Sie könnte Aufklärung über ihre Geschichte und ihre Funktionsweise leisten und ihren Mehrwert an Schulen. Und sie könnte mehr zivilgesellschaftliches Engagement – etwa organisierte Exkursionen nach Brüssel für Jugendverbände und -organisationen – fördern. Im wirklichen Leben ist Europa oft zu kompliziert. Und abschreckend bürokratisch. In meiner Arbeit beim Landkreis Nordwestmecklenburg habe ich zum Beispiel mit dem Förderprogramm ,Jugend stärken im Quartier‘ zu tun, für das es auch Projektmittel aus dem Europäischen Sozialfonds gibt.

 

Zum einen sind die Fördermöglichkeiten, die die EU bietet, hoffnungslos unübersichtlich und in den einzelnen Mitgliedstaaten streckenweise vollkommen unbekannt. Zum anderen sind die Förderrichtlinien so komplex, dass sich da viele gar nicht herantrauen. Ich erinnere mich gut an ein Seminar, dass die CESI Youth im Rahmen von Erasmus+ beantragt und ausgerichtet hatte. Da waren wir von der dbb jugend natürlich beteiligt. Die Beantragung des Seminars war so kompliziert und an so viele Voraussetzungen geknüpft, dass die CESI Youth es kein weiteres Mal beantragt hat. Wir haben darauf entschieden, es gar nicht erst zu versuchen.“

 

„Oh ja, das kenne ich aus der Zeit, als ich mich für meine Gewerkschaft, den Deutschen Philologenverband, noch bei der CESI engagiert habe“, sagt Horst Günther Klitzing und lacht. „Ich möchte es vorsichtig formulieren: Die Europaverwaltung kam mir stets ein wenig zu bombastisch vor. Das hat mich immer abgestoßen.“ Karoline Herrmann: „Das kann ich aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Europa muss in bürokratischer Hinsicht unbedingt transparenter und barrierefreier werden, sonst sinkt die Akzeptanz zwangsläufig.“

 

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