12. Frauenpolitische Fachtagung

Digitalisierte Welt: Frauen 4.0 – rund um die Uhr vernetzt?

  • Helene Wildfeuer auf der 12. Frauenpolitischen Fachtagung Die Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung Helene Wildfeuer auf der 12. Frauenpolitischen Fachtagung am 12. April 2016 in Berlin.

Chancen und Risiken der Digitalisierung der Arbeitswelt standen im Fokus der 12. Frauenpolitischen Fachtagung, zu der die dbb bundesfrauenvertretung am 12. April 2016 ins dbb forum berlin eingeladen hatte. Vor großem Publikum – rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren gekommen – analysierten und diskutierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Verwaltung und Verbänden die aktuellen Trends des sogenannten „Arbeiten 4.0“ mit besonderem Augenmerk auf der Perspektive des öffentlichen Dienstes und der weiblichen Beschäftigten: Was bedeutet der Einzug moderner Informations- und Kommunikationstechnologien in die Arbeitswelt für die Organisationsstrukturen von Verwaltungen und Betrieben? Welche Auswirkungen haben die dynamischen Veränderungen auf die Karriereentwicklung? Wie steht es um die Fürsorgepflicht der Vorgesetzten, und wo können und müssen Gewerkschaften aktiv werden?

„Der digitale Wandel der Arbeitswelt ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, betonte Helene Wildfeuer, Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung und Gastgeberin der Frauenpolitischen Fachtagung, in ihrer Eröffnungsrede. „Diejenigen, die für einen funktionsfähigen Staat und das Gemeinwesen sorgen, müssen in der Debatte mitgedacht werden. In diesem Bereich arbeiten vor allem Frauen. Sie stellen sich zu Recht die Frage: Was wird aus mir und meiner Arbeit in den nächsten zehn, 15, 20 Jahren? Die betroffenen Akteure aus Wirtschaft, Industrie, Politik und aus dem öffentlichen Dienst müssen sich dieser Herausforderung gleichermaßen stellen“, forderte Wildfeuer. Dazu müssten auch die bestehenden gesetzlichen Mitbestimmungsregeln an die Erfordernisse einer zunehmend digitalisierten und entgrenzten Arbeitswelt angepasst werden. „Die Beschäftigten und deren Vertretungen müssen von Anfang an in die Weiterentwicklung der Arbeitsprozesse einbezogen werden.“ Wildfeuer warnte davor, dass neue Technologien, die die Arbeit vermeintlich erleichterten, für ältere Beschäftigte zur Feuerprobe werden könnten: „Wer nicht mehr mitkommt, wird schnell von den Jüngeren abgehängt. Umso dringender müssen wir diese Beschäftigtengruppe an die neuen Technologien heranführen. Passgenaue Weiterbildungen und gezielte Schulungen müssen die Beschäftigten dort abholen, wo sie mit ihrem digitalen Knowhow gerade stehen. Es wäre fatal für die Entwicklung des öffentlichen Dienstes, gerade die erfahrenen Beschäftigten und deren Wissen durch den digitalen Wandel zu früh zu verlieren.“

Wandel geschlechtergerecht gestalten

„Gesetzgeber, Tarifpartner, Betriebs- und Personalräte sind gleichermaßen gefragt, sich aktiv für einen gesunden und geschlechtergerechten digitalen Wandel im öffentlichen Dienst einzusetzen“, unterstrich die Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung. Vor allem die Nachteile, die Frauen derzeit aufgrund von Pflege, Eltern- und Teilzeitbeschäftigung entstehen, müssten gezielt in den Blick genommen werden: „Wer weniger Zeit im Büro verbringt, wird seltener bei Beförderungen berücksichtigt. Diese Tendenz droht mit zunehmender Entgrenzung der Arbeit weiter zu steigen“, machte Wildfeuer deutlich. „Umso mehr müssen wir darauf achten, dass ein Mehr an Mobilität und Flexibilität Frauen in ihrer Karriereentwicklung nicht noch stärker zurückwirft.“

Ausbeutungs-Gefahr bei Dauer-Erreichbarkeit

Eindringlich warnte Wildfeuer vor den gesundheitlichen Risiken, die der digitale Wandel mit sich bringt: „Die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, darf nicht dazu führen, dass sich Beschäftigte verpflichtet fühlen, rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen“, so die Vorsitzende. Um diese Risiken nicht auszureizen, müssten auch im öffentlichen Dienst die geltenden Gesetze zum Arbeits- und Gesundheitsschutz ordnungsgemäß angewandt und entsprechend an die sich wandelnden Arbeitsumstände angepasst werden.

 

Auch dbb Chef Klaus Dauderstädt warb vor der Fachkonferenz für einen „gesunden Umgang“ mit den modernen Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologie in der Arbeitswelt: „Vereinbarte Arbeitszeit darf nicht durch moderne IT-Vernetzung umgangen und gnadenlos überzogen werden“, forderte der dbb Bundesvorsitzende. „Die viel zitierte permanente Erreichbarkeit verwischt mit der unwiderstehlichen Leichtigkeit des ‚Klings‘ beim Eintreffen einer Mail oder Nachricht auf dem Handy erbarmungslos die Grenze zwischen Freizeit und Beruf. Das dezimiert die Erholungs- und Entspannungsphasen, die wir zur Bewältigung des Arbeitsstresses brauchen und auf deren Inanspruchnahme niemand verzichten sollte. Das setzt eine Führungskultur voraus, die wir nicht überall vorfinden. Wir sind ja gerne vernetzt, aber nicht rund um die Uhr – das wäre schlicht Ausbeutung.“ Die neue Flexibilität sei begrüßenswert, betonte Dauderstädt, ihr Mehrwert müsse für alle Beteiligten ausgeschöpft werden: Beschäftigten gerade mit Familienpflichten sollten, wo vom Betriebsablauf her machbar, Alternativen wie Heim- und Telearbeit eröffnet werden, ebenso wie das auf die Lebensarbeitszeit insgesamt abstellende Instrument der Flexibilisierung durch Langzeit- oder Lebensarbeitszeitkonten. „Die von Arbeitgeberseite bisher strikt abgelehnte Kumulation und Kombination angesammelter Zeiten vor dem anstehenden Eintritt in den Ruhestand ist ein alter Hut, der nicht auf moderne Köpfe passen kann“, stellte der dbb Chef klar.

Digitalisierung eröffnet Frauen bessere Chancen

Christine Morgenstern, Abteilungsleiterin Gleichstellung im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, machte in ihrem Grußwort Mut für die Zukunft: „Frauen können vom digitalen Wandel profitieren, wenn es mit Hilfe der Digitalisierung gelingt, den ‚geteilten Arbeitsmarkt‘ aufzubrechen.“ Die Chancen hierfür stünden gut, so die Gleichstellungsexpertin. Durch die Veränderung der Arbeitsprozesse, insbesondere den Wegfall zahlreicher, auf schwere körperliche Arbeit abstellender Produktionsprozesse insbesondere in technischen Berufen, würde den Frauen der Weg in diese in der Regel besser bezahlten Arbeitsplätze weiter geebnet. Auch die dank der Digitalisierung zunehmende Flexibilität bei der Wahl des Arbeitsorts und die absehbare Abkehr von der Kultur der Vollzeitpräsenz an einem einzigen Arbeitsort kämen dem Wunsch von Frauen nach besser Vereinbarkeit von Beruf und Familie, partnerschaftlichen und gleichgestellten Beziehungen entgegen. Chancen eröffne der digitale Wandel den Frauen schließlich auch mit Blick auf Führungspositionen, die durch mobiles Arbeiten ebenfalls praktikabler würden, erläuterte Morgenstern, versäumte aber gleichwohl nicht, auch auf die Risiken des „Arbeiten 4.0“ hinzuweisen: „Das Risiko einer zunehmenden Entgrenzung von beruflicher und privater Sphäre ist definitiv gegeben, und hier brauchen wir klare Spielregeln und Grenzen, die auch die Arbeits- und Führungskultur künftig prägen.“

Frauen: „Change Agents“ des digitalen Wandels

Morgensterns Ausblick wurde vertieft vom Vortrag der Wissenschaftlerin Dr. Kira Marrs vom Münchener Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung. Anhand von konkreten Szenarien skizzierte sie das Wirken von Frauen in der digitalen Arbeitswelt von morgen und appellierte, die „digitale Revolution“ als Gestaltungsprozess zu verstehen, der insbesondere den Frauen bessere Chancen in der Arbeitswelt eröffne. Es gebe zahlreiche Indizien, die die weiblichen Beschäftigten aufgrund ihrer besonderen kommunikativen und sozialen Kompetenzen als geradezu prädestiniert für die digitalisierte Arbeitswelt erscheinen lassen: „Beim vernetzten, kooperativen, transparenten, Wissen teilenden und auf kollektive Expertise setzenden Arbeiten, das die digitalen Techniken mit sich bringen werden, erfahren die ‚typisch weiblichen‘ Kompetenzen eine enorme Aufwertung“, so Marrs, ehemalige „soft skills“ würden zu „hard skills“ der modernen Arbeitswelt: „Gefragt sind agile, vernetzte, kommunikative, integrative Community-Manager, die Teams in flachen Hierarchien zum gemeinsamen Erfolg führen. Es wird kaum mehr Bühnen für individuelle Selbstinszenierungen, wie wir sie heute noch kennen, geben“, blickte Marrs in die Zukunft. Auch in punkto Arbeitsorganisation und Karriereperspektiven böten die neuen technischen Möglichkeiten große Chancen, sich unabhängig vom hergebrachten „Raum-Zeit-Gefüge“ zu machen und so eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine lebensphasenorientierte Karriereplanung zu verwirklichen. Marrs‘ Fazit: „Frauen sind die idealen Change-Agents der digitalen Transformation.“ Die Wissenschaftlerin betonte: „Der epochale Umbruch, den die Digitalisierung unserer Arbeitswelt beschert und damit vor allem Frauen ganz neue Möglichkeiten eröffnet, ist kein Selbstläufer. Nur, wenn ihn alle Akteure der Arbeitswelt gemeinsam mit konkret formulierten Zielvorstellungen aktiv gestalten, können wir auf dem Weg zu einer menschengerechteren Arbeitswelt vorankommen. Die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen wird dabei der Lackmus-Test sein.“

Generation Y: Treiber der Modernisierung

Was die nächste Generation der Arbeitnehmerinnen von Arbeitgebern wie dem öffentlichen Dienst in Zukunft erwartet, berichtete Generationenforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance, bekannt als wissenschaftlicher Vater der „Shell Jugendstudie“. Bei der gegenwärtigen jungen „Generation Y“, den zwischen 1985 und 2000 Geborenen, habe die dauerhafte Auseinandersetzung mit einem unsicheren Zukunftshorizont, ungewissen Lebensperspektiven und nicht berechenbaren Bedrohungsszenarien (Terrorismus) zu einer Mentalität des „tastenden Sondierens“ und „pragmatischen Ausprobierens von Alternativen“ geführt, so Hurrelmann. Die „Egotaktiker“ seien „digitale Eingeborene“, also quasi heimisch in der für Ältere noch neuen digitalen Welt. Was nun die jungen Frauen hervorhebe, sei neben formal grundsätzlich höheren Bildungsabschlüssen die Tatsache, dass diese „viel besser mit den Unsicherheiten klarkommen, sich pragmatisch arrangieren und gut organisieren“. Ihr ganzes Handeln sei geprägt von einer „enorm hohen sozialen Intelligenz“, sie nähmen ganz bewusst und ehrgeizig das klassische Frauenmodell („Kind, Küche, Kirche“) für sich in Anspruch, ergänzt um das vierte „K“ – ihre Karriere. „Ich will alles!“, laute das Motto junger Frauen, die eine sehr klare Mehrrollenorientierung formulierten. „Für die aktuellen Herausforderungen, auch die der Arbeitswelt, bringen diese jungen Frauen das ideale Rüstzeug mit“, fasste der Sozialwissenschaftler zusammen: „Sie sind hoch gebildet, innovativ, flexibel, mehrgleisig im Denken, agil, widerstandsfähig und mental stark – und wissen das auch.“ Entsprechend selbstbewusst würden sie künftigen Arbeitgebern gegenübertreten und ihre Ansprüche klar stellen, so Hurrelmann. „Damit werden die jungen Frauen zu Treibern der Modernisierung werden und in ihren Arbeitswelten dafür sorgen, dass ihnen dort insbesondere die Vereinbarkeit der verschiedenen Rollen, die sie in ihrem Leben einnehmen möchten, gelingt.“ Der öffentliche Dienst biete ihnen dafür mit seinem Sicherheits- und Planbarkeitsfaktor schon heute einen vergleichsweise guten Entfaltungsraum, so Hurrelmann.

Optimierungsspielraum im öffentlichen Dienst

Die anschließenden Diskussionsrunden mit dem Publikum und auf dem Podium machten unterdessen deutlich, dass es auch im öffentlichen Dienst noch reichlich Optimierungsspielraum gibt, was die Rahmenbedingungen von Arbeiten im digitalen Zeitalter angeht. Moderiert von Andreas Ulrich (rbb), formulierten Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin der Initiative D21, Michael Niehaus, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Anke Schwitzer, Vorsitzende der dbb Grundsatzkommission Personalvertretungsrecht und des dbb sh, und dbb jugend-Chefin Sandra Kothe die Punkte, auf die es bei der Gestaltung des digitalen Wandels im öffentlichen Dienst ankommen sollte: Eine Führungs- und Beschäftigtenkultur, die die Chancen der Digitalisierung positiv aufnimmt und umsetzt, wirksame und verbindliche Schutzmechanismen gegen eine Entgrenzung von Berufs- und Privatleben, die generationensensible Umsetzung von Maßnahmen, die nachhaltige und sowohl digitale als auch „analoge“ Sicherstellung des Wissenstransfers und, nicht zuletzt, eine funktionierende technische und angemessene räumliche Ausstattung der Arbeitsplätze.

 

Den Schlusspunkt der Fachtagung setzte dbb frauen-Vorsitzende Helene Wildfeuer: „Lassen Sie uns die Digitalisierung als großartige Chance begreifen und gleichstellungsorientiert ausgestalten – Seite an Seite mit den Beschäftigten, der Politik und den öffentlichen Arbeitgebern. Aber lassen Sie uns dabei vor allem nicht vergessen: Ohne den Menschen geht es nicht.“

 

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