dbb magazin 12/2022

Coronamanagement in Bund und Ländern Wir müssen weiter wachsam sein Die Ampelregierung verfolgt in der Coronapandemie eine Strategie der Eigenverantwortung. Diese Gelassenheit kann trügerisch sein. Kurz vor dem dritten Coronawinter gibt es in Deutschland kaum noch Einschränkungen. Während viele Bundesländer im vergangenen Jahr Mitte November einen erneuten Lockdown verkündeten, gilt 2022 bundesweit nur noch in Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeheimen sowie dem Fern- und mancherorts dem Nahverkehr eine Maskenpflicht. Im Umgang mit der Pandemie ist eine gewisse Gelassenheit spürbar. Die Ampelregierung setzt fast komplett auf Eigenverantwortung. Die Coronamaßnahmen wurden sukzessive zurückgefahren. Jeder kann selbst entscheiden, ob er in Menschenansammlungen Maske trägt und Abstand hält. Auch die Impfung bleibt ein freiwilliger Schutz. Die Herbstwelle scheint man so ohne große Not überstanden zu haben. Trotz sehr hoher Infektionszahlen hat kein Bundesland die Schutzmaßnahmen verschärft. Das liegt nicht daran, dass es nicht nötig gewesen wäre. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz lag Mitte Oktober bei fast 900. Dabei ist die Inzidenz kein verlässlicher Faktor, weil nicht alle Coronapositiven erfasst werden. In Sachsen müssen Infizierte nicht mal mehr einen PCR-Test machen – dabei fließen nur diese in die offizielle Statistik ein. Experten gehen deswegen von einer extrem hohen Dunkelziffer aus: Realistisch sei, dass dreimal so viele Menschen erkrankt waren. Auch in den Krankenhäusern wurden mehr COVID-19-Patienten behandelt. Die Omikron-Variante des Coronavirus führt zwar nicht so oft zu schweren Krankheitsverläufen wie noch die DeltaVariante. Trotzdem gibt es etwa 1000 Todesfälle durch COVID pro Woche. Für das Pflegepersonal in den Krankenhäusern bedeutet jeder Infizierte durch die nötige Isolation mehr Arbeit, egal ob er wegen oder mit Corona im Krankenhaus liegt. Einige Kliniken waren zusätzlich wegen des Personalausfalls im Herbst an der Überlastungsgrenze. Doch durch das Infektionsschutzgesetz sind auf Betreiben der FDP nur noch sehr wenige Schutzmaßnahmen überhaupt möglich und die Hürden für sie sehr hoch. Selbst für eine Maskenpflicht in Innenräumen brauchen die Länder einen Landtagsbeschluss. Flächendeckende Schließungen, Zugangsbeschränkungen oder Lockdowns können sie nicht verhängen. Diese Gelassenheit kann trügerisch sein. SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach rechnet mit einer „wahrscheinlich schweren Winterwelle“, auch eine ansteckendere Virusvariante kann nicht ausgeschlossen werden. Spätestens mit Beginn der Fußballweltmeisterschaft werden die Infektionen wieder zunehmen, nicht nur mit dem Coronavirus, sondern auch mit dem Grippeerreger. Anders als sonst findet diese WM nicht im Sommer statt, die Menschen werden sich statt beim Public Viewing in Innenräumen treffen – zu einer Zeit, in der sowieso schon vermehrt Infektionskrankheiten auftreten. Eine konsequente Unterbrechung von Coronainfektionsketten und die Reduzierung von Ansteckungsrisiken sind vor diesem Hintergrund in den kommenden Monaten wichtig. Einen schlechteren Zeitpunkt, um über die Abschaffung der Isolationspflicht zu sprechen, kann es deswegen kaum geben. Mehrere Bundesländer schlagen vor, dass Coronainfizierte andere Personen eigenverantwortlich mit Maske und Abstand schützen, statt sich wie derzeit mindestens fünf Tage isolieren zu müssen. Allerdings können auch symptomlose Coronainfizierte andere anstecken. Fällt die Isolationspflicht weg, würden die Fallzahlen deutlich steigen – und mit jeder Infektion auch die Wahrscheinlichkeit von schweren Verläufen, Post oder Long COVID. Das kann nicht das Ziel sein. Mehr Ansteckungen bedeuten mehr Erkrankungen – auch bei Mitarbeitern der kritischen Infrastruktur. Denn die Ursache der Personalausfälle ist nicht die Isolationspflicht, sondern ein hochansteckendes Virus. Auch milde Erkrankungen dauern in der Regel mindestens eine Woche. Jede Ansteckung ist deshalb dringend zu vermeiden – nicht nur im Gesundheitswesen. Kurz vor demWinter ist es unverantwortlich, den Coronaschutz noch mehr als bisher jedem Einzelnen zu überlassen. Corona verschwindet nicht, nur weil man die Augen davor verschließt. Die Pandemie ist nicht vorbei. Es nützt nichts, die Bevölkerung wegen der vielen anderen Krisen schonen zu wollen. Die Länder müssen wachsam bleiben und gegebenenfalls schnell reagieren, wenn die Infektionszahlen drohen, durch die Decke zu gehen. Andrea Schawe Andrea Schawe ist Redakteurin der Sächsischen Zeitung. Die Autorin ... Es ist unverantwortlich, den Coronaschutz noch mehr als bisher jedem Einzelnen zu überlassen. Die Pandemie ist nicht vorbei. Es nützt nichts, die Bevölkerung wegen der vielen anderen Krisen schonen zu wollen. MEINUNG Foto: Colourbox.de 6 AKTUELL dbb magazin | Dezember 2022

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