Besuchstag, Erwachsenenvollzug: Alle sieben Stühle im Wartezimmer sind besetzt, alle wollen Gefangene besuchen. Ganz links eine Frau um die 60, neben ihr eine junge Mutter, auf dem Schoß ein Kleinkind. Gegenüber ein Jugendlicher, den Blick auf den PVC-Boden gerichtet. Unter den aktuell etwa 270 Männern, die in der Justizvollzugsanstalt Heilbronn einsitzen, sind Freunde, Brüder, Ehemänner, Söhne und Väter. Philipp Weimann betritt den Raum, Balin folgt bei Fuß an der Leine. Der deutsch-belgische Schäferhund-Mischling trägt ein Halsband mit der Aufschrift „Justiz“. Sein Namensvetter ist ein Zwerg aus dem Herr-der-Ringe-Universum von J. R. R. Tolkien. „Guten Tag, wir machen heute eine Kontrolle“, sagt Weimann. „Bitte stellen Sie Ihre Füße auf den Boden und legen Sie Ihre Hände auf die Oberschenkel. Wer Angst vor Hunden hat, bitte kurz Bescheid geben oder die Hand heben.“ Niemand gibt Bescheid, niemand hebt die Hand. Jetzt beginnt das, was in Balins Wahrnehmung ein Spiel ist. In der Zollhundeschule hat er gelernt, bei bestimmten Gerüchen mit der Schnauze auf die Quelle zu deuten und in der Position zu verharren. Dabei nutzen die Hundetrainer den Spieltrieb der Tiere – so gesehen sind Haschisch, Kokain und diverse andere Betäubungsmittel für sie Werkzeuge, um an ein Spielzeug oder ein Leckerli zu kommen. Balin dreht eine erste Runde. Dass er an Menschen suchen darf, ist nicht selbstverständlich; sein freundliches Wesen hat ihn für den Job qualifiziert, darauf achten die Hundetrainer. Die Frau um die 60 lächelt etwas verunsichert, der Jugendliche schaut skeptisch bis desinteressiert drein, das Kleinkind verfolgt die Bewegungen des Vierbeiners aufmerksam. Balin dreht eine zweite Runde, verharrt kurz bei einer weiteren Frau, direkt neben der jungen Mutter. Dann ist auch der zweite Rundgang vorbei. Hundeführer und Hund verlassen das Wartezimmer, ebenfalls die beiden Justizvollzugsbeamten, die dabei waren, um die Situation abzusichern. Nachbesprechung auf dem Flur. Balins Interesse an der Frau muss nichts heißen, denn eindeutig mit der Schnauze auf sie gezeigt REPORTAGE Drogen im Gefängnis Wenn Herrchen arbeiten geht, geht Balin spielen Philipp Weimann ist Hundeführer im Justizvollzug. Seine Aufgabe: die Sicherstellung von Betäubungsmitteln. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Funde in Baden-Württemberg gestiegen. Überwiegend handelt es sich um Haschisch, Marihuana und neue psycho- aktive Substanzen. Wer Gefangene besuchen möchte, muss zunächst im Wartezimmer Platz nehmen. © Christoph Dierking (8) 20 FOKUS dbb magazin | April 2026
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