DOSSIER MITBESTIMMUNG Personal- und Betriebsräte Am Puls der Belegschaft Personal- und Betriebsräte halten den Kontakt zur Belegschaft – gerade dort, wo Arbeitsdruck, Stellenknappheit und Reformen den Alltag prägen. Ob im Jobcenter, in Behörden und Verwaltung, in der Klinik oder beim Zoll: Sie kämpfen für eine faire Personalbemessung, wirksames Eingliederungsmanagement und moderne Beteiligung. Jobcenter: dem Haushalt trotzen „Die Jobcenter sind gesellschaftlich und politisch in sehr bewegten Fahrwassern, da braucht die Belegschaft einen stabilen Anker“, sagt Oliver Gerdelmann (vbba), Personalratsvorsitzender beim Jobcenter Lübeck. Ein grundlegendes Problem seien die Haushalte der Jobcenter. „Die werden jedes Jahr weiter eingedampft. In der Folge können nicht alle vorgesehenen Stellen besetzt werden, weil Geld für Personal fehlt.“ Daraus resultiere wiederum Arbeitsverdichtung. Ferner berücksichtigt die Bundesagentur für Arbeit bei der Personalbemessung nicht die praktischen Arbeitsinhalte, sondern geht nach einem Benchmarking-System vor. „Da ist der Personalrat besonders gefordert, zu schauen, wie Arbeit neu und besser verteilt werden kann, um Ausgleich zu schaffen, damit Kolleginnen und Kollegen nicht dauernd überfordert werden. Und weil Arbeitsverdichtung immer auch mit erhöhten Fehlzeiten durch Krankheit einhergeht, ist das Betriebliche Eingliederungsmanagement ein wichtiges Instrument, das wir schnell und effektiv einsetzen können.“ Trotz dieser erfolgreichen Arbeit, die sich auch an der mit 78 Prozent sehr hohen Beteiligung an Personalratswahlen beim vorigen Urnengang ablesen lässt, wird das Wirken des Personalrates gerne unterschätzt. „Sogar regelmäßig, denn Personalratsarbeit ist zeitintensiv. Die Kolleginnen und Kollegen fallen im regulären Job aus, während sie sich im Personalrat engagieren. Die kritischen Stimmen verstummen aber, wenn die Erfolge dieser Arbeit spürbar werden“, weiß Gerdelmann. „Manche Kolleginnen und Kollegen erfahren erst, dass und wie unsere Arbeit funktioniert, wenn sie uns brauchen.“ Letztlich aber stärke die Belegschaft dem Personalrat den Rücken, was ihn in eine starke Verhandlungsposition bringe: „Wir repräsentieren in Lübeck die absolute Mehrheit der Beschäftigten gegenüber dem Arbeitgeber.“ Während es in Lübeck gut läuft, wünscht sich Gerdelmann, „dass Personal- und Betriebsräte weniger Zeit damit verbringen müssen, ihre Beteiligung beim Arbeitgeber einzufordern.“ An der Schnittstelle zu den Beschäftigten dagegen laufe vieles rund, besonders beim digitalen Zugangsrecht: „Viel digitaler als bei uns kann es kaum sein. Für E-Mail und Intranet sind alle rechtlichen Voraussetzungen geschaffen; es gibt sogar einen eigenen Personalratsbereich zur Datenablage in der Dateistruktur des Jobcenters. Wie früher Schwarze Bretter zu pflegen, wäre viel aufwendiger.“ Auch auf der operativen Seite des Jobcenters werde die zunehmende Digitalisierung spürbar. „Jüngst wurden uns KI-Tools zur Verfügung gestellt, die als Wissensdatenbank für die Mitarbeiter dienen. Über kurz oder lang wird KI in der Lage sein, uns Standardaufgaben abzunehmen. Ganz so weit sind wir bisher zwar nicht. Aber wir sind als Personalrat sehr wachsam, wenn es darum geht, dass KI in Zukunft auch Personal ersetzen könnte.“ Gerdelmanns größter Wunsch: „In diesen disruptiven Zeiten müssen sich Politik und Verwaltung klar zum handlungsfähigen Sozialstaat bekennen. Dafür brauchen die Menschen verlässliche Rahmenbedingungen und keine markigen Sprüche im Dauerwahlkampf.“ BMI: dezentrale Strukturen verbinden Ruth Otten (vbob), Mitglied im Hauptpersonalrat des Bundesministeriums des Innern, umreißt ihre Aufgabe als Personalrätin so: „Wir treten für jeden Einzelnen ein, wenn es klemmt.“ Die beim Bundesverwaltungsamt (BVA) in Köln tätige Otten sagt: „Die Überlastung ist für uns ein riesengroßes Thema, in den jüngsten Personalversammlungen.“ Der Fachkräftemangel mache sich bemerkbar, hinzu kämen allgemeine Stellenkürzungen. Das werde auch an Punkten wie Arbeitszeit, Arbeitszeitbedingungen und Urlaubsplanung deutlich. „Gerade wegen der hohen Belastung leidet das Miteinander, dabei brauchen die Beschäftigten gerade bei dieser hohen Arbeitslast ihre Ruhephasen.“ Besonders schnell helfen kann die Personalrätin beim Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM): „Das wird sehr gut angenommen.“ Dennoch würde die Wirksamkeit der Personalräte von den Beschäftigten häufig unterschätzt. Den Satz „Ihr könnt eh’ nix machen“, höre sie nicht selten. Viele seien dann erstaunt, wie viel Oliver Gerdelmann 24 INTERN dbb magazin | März 2026
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