Schwerhörigkeit für manche noch ein Tabu sei und sich gerade Spät-Schwerhörige ungern outen würden. Dementsprechend sei die Gesellschaft nicht sehr sensibilisiert für das Thema, aber der Supermarkt habe da mitgedacht. Die Marktleiterin Maureen Colombino freut sich: „Meine Oma hat auch ein Hörgerät, deshalb war es für uns selbstverständlich und das Angebot wurde auch genutzt.“ „In guten wie in schlechten Zeiten sind wir füreinander da“, schreibt sie auf ihrem Aushang. Die Nachbarschaft sei sehr dankbar gewesen und habe mit vielen netten Zuschriften und Gesprächen gedankt. „Wir konnten ein Notstromaggregat vom freien Markt ergattern“, erzählt sie, „dennoch sind Lebensmittel im Wert von 40 000 Euro Einkaufspreis kaputtgegangen.“ Abends ließ sie die Außenbeleuchtung an, damit die Leute auf dem Bürgersteig etwas sehen konnten. „Das war die schlimmste Woche im Einzelhandel seit meiner Ausbildung 2003. Dagegen war Corona noch elegant!“ Ihre ältere Kundschaft habe Angst gehabt, zu Hause allein zu sein, denn nicht ohne Grund wurden im Einfamilienhausviertel nächtliche Einbruchsversuche erwartet. „Da war einfach das Licht aus und keiner mehr da. Bei manchen kamen Erinnerungen an die Nachkriegszeit hoch.“ Der Diplom-Psychologe Michael Postzich wohnt und arbeitet in der Straße. Sein beruflicher Schwerpunkt liegt bei Resilienz, Achtsamkeit und Mitgefühl: „Ich will nicht übertreiben. Es war nicht die Apokalypse. Aber einfach war es nicht. Und doch war eines bemerkenswert: Mitgefühl unter Menschen schlägt alles andere.“ Er habe selten so viele gesprächs-, vor allem aber hilfsbereite Menschen getroffen wie während des Strom- und Heizungsbreakdown. Sie hätten alles geteilt: Getränke, Sandwiches, aber auch vieles aus ihrem Leben. „Mitgefühl macht nicht nur andere glücklich – sondern auch uns selbst“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. „Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis: Mitgefühl ist keine selbstlose Aufopferung, sondern zahlt direkt auf unser eigenes Wohlbefinden ein.“ Der Notstand aktiviert das Gute Auch wenn man gut in die Community eingebunden ist, lernt man die anderen noch besser kennen – so wie Gaby Reimann aus dem Zehlendorfer Chor „Joyful Noise“: „Liebe, bodenständige Menschen, die sonst stiller sind und eher bescheiden auftreten, haben direkt Angebote für freie Zimmer gemacht und ihren Kamin zum Aufwärmen angeboten“, sagt sie. Sabrina Schwinger findet, dass in der Krise sichtbar wurde, dass Hilfsbereitschaft und Solidarität oftmals als stille Ressourcen in der Nachbarschaft und der Gesellschaft existieren. Ihre Familie mit zwei Kleinkindern konnte die Nachmittage abwechselnd bei Bekannten verbringen und bekam dort auch ein warmes Abendessen serviert. In der Kita wurden Kerzen gesammelt und ein Busfahrer nahm Fahrgäste, die in das betroffene Gebiet wollten, spontan kostenlos mit. Sie sagt: „Im Alltag neigen wir dazu, negative Erlebnisse überzugewichten. Es braucht offenbar einen Auslöser, damit wir unsere Mitmenschen insgesamt wieder positiver wahrnehmen.“ Gabriele Spiller Zur Not eben so: Lesen im Dunkeln. Anschlagsort: die Kabelbrücke zum Kraftwerk Lichterfelde am Teltowkanal. 16 FOKUS dbb magazin | März 2026
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