Auf der dbb-Jahrestagung haben Sie gesagt, Geld allein löse die Probleme nicht, es gebe „kein Ressourcen-, sondern ein Koordinationsproblem“, gerade bei großflächigen Lagen. Wo bricht die Koordination heute in der Praxis am häufigsten und was wäre die wirksamste politische Lösung? In der Praxis erleben wir Koordinationsprobleme vor allem bei unklaren Führungsübergängen in länderübergreifenden Lagen. Hinzu kommen unterschiedliche IT-Systeme und Meldewege, die einen schnellen Informationsaustausch erschweren. Die wirksamste politische Lösung wären verbindliche Koordinationsmechanismen, die in außergewöhnlichen Lagen automatisch greifen. Wir benötigen gemeinsame, digital unterstützte Lagebilder und interoperable Systeme, um einen Informationsaustausch zu gewährleisten. Ebenso wichtig sind regelmäßige, realistische Großübungen mit Einbindung politischer Entscheidungsträger. Denn nur, wenn Abläufe auch unter realitätsnahen Bedingungen getestet werden, können wir Schwachstellen rechtzeitig erkennen. Resilienz entsteht nicht auf Papier: Sind verbindlichere Standards für Trainings und Simulationen bei Behörden, kritischer Infrastruktur und Einsatzkräften notwendig, und welche Rolle sollte das THW dabei dauerhaft haben? Ja, verbindlichere Trainings- und Simulationsstandards sind notwendig. Resilienz entsteht nicht allein durch Konzepte auf dem Papier, sondern durch konsequente Vorbereitung, realitätsnahe Ausbildung und regelmäßige Übungen. Beim Technischen Hilfswerk sind Ausbildungen und Übungen fester Bestandteil des ehrenamtlichen Engagements. Sie ermöglichen es, Abläufe unter kontrollierten Bedingungen zu erproben, Schwachstellen frühzeitig zu erkennen und kontinuierlich nachzusteuern. Ein zentraler Aspekt ist für uns das Prinzip „In Krisen Strukturen kennen“. Durch gemeinsame Übungen mit Feuerwehren, Hilfsorganisationen und Krisenstäben stärken wir genau dieses Verständnis. So können die Akteure des Bevölkerungsschutzes im Ernstfall eingespielt und abgestimmt handeln. Unsere Rolle ist klar definiert: Wir leisten technische Hilfe im Zivilschutz, unterstützen die Gewährleistung der Daseinsvorsorge kritischer Infrastrukturen und bringen unsere Fähigkeiten in gemeinsame Übungen zur Aufrechterhaltung lebenswichtiger Strukturen ein. Damit leisten wir einen nachhaltigen Beitrag zur Krisenfestigkeit unseres Landes. Zur politischen Debatte gehört auch Vertrauen: Nach dem Anschlag auf die Berliner Stromversorgung im Januar gab es teils heftige Kritik an den Reaktionszeiten und der Durchführung einzelner Maßnahmen. Was müssen Verantwortliche und Medien bei der Krisenkommunikation ändern, damit Vorsorgeentscheidungen politisch und gesellschaftlich tragen? Wir brauchen eine grundlegende und kontinuierliche Risikokommunikation, und zwar nicht erst im Ereignisfall. Zum Bevölkerungsschutz gehört auch, die Resilienz der Bevölkerung zu stärken und realistisch zu vermitteln, welche Risiken bestehen und dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Die Erwartungen müssen an die Realität angepasst werden. Die Bevölkerung ist Teil des Bevölkerungsschutzes durch Vorsorge, Eigenverantwortung und informierte Mitwirkung. Krisenkommunikation ist maßgeblich von Vertrauen abhängig. Deshalb müssen Verantwortliche offen, ehrlich, schnell und transparent kommunizieren. Nur wenn Informationen nachvollziehbar und konsistent sind, tragen Vorsorgeentscheidungen politisch und gesellschaftlich. Das THW lebt vom Ehrenamt: Gelingt es, Menschen dauerhaft zu motivieren und zu binden? Das Ehrenamt im Technischen Hilfswerk basiert auf Gemeinschaft. Langfristige Motivation entsteht, wenn sich Menschen wertgeschätzt und eingebunden fühlen. Unsere Organisationskultur war seit jeher bereits werteorientiert und kameradschaftlich und entwickelt seit einigen Jahren mit Kulturkreisen und Workshops zu den Themen Teamarbeit und Miteinander einen wichtigen Rahmen hierfür weiter. Sie basiert auf fünf Kulturdimensionen: Unsere Teams reflektieren ihr Miteinander durch eine Willkommens-, Anerkennungs-, Führungs-, Kommunikations- und Ausbildungskultur. So entsteht ein zeitgemäßes und gesundes Klima im THW, das den Zusammenhalt stärkt und Ehrenamtliche dauerhaft bindet. Welche Rolle soll das THW im EU-Katastrophenschutzverfahren (UCPM) spielen – benötigt Europa mehr gemeinsame operative Fähigkeiten inklusive Standards zur Interoperabilität und gegebenenfalls zur gemeinsamen Beschaffung oder reicht bessere Koordination? Das Technische Hilfswerk versteht sich als zentraler operativer Partner im EU-Katastrophenschutzverfahren. Unsere Aufgabe besteht darin, unsere hoch spezialisierten Fähigkeiten, wie etwa Wasseraufbereitung, Bergung und den Einsatz von Hochleistungspumpen, passgenau in das europäische System einzubringen. Die Frage „Fähigkeiten versus Koordinierung“ ist kein Entweder-oder. Europa verfügt mit den zertifizierten EU-Modulen bereits über verbindliche Mindeststandards, die echte Interoperabilität schaffen. Wo Lücken bestehen, greift das Instrument rescEU als solidarisches Sicherheitsnetz. Ein Beispiel hierfür ist die deutsche rescEU-CBRN-Dekontaminationskapazität, die gemeinsam vom THW, der Bundespolizei und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe umgesetzt wird. Sie ermöglicht unter anderem die Dekontamination großer Infrastrukturflächen, zahlreicher Fahrzeuge sowie Hunderter Personen pro Stunde. Mein Fazit ist klar: Wir brauchen keine zentralisierten EU-Einheiten. Die Stärke Europas liegt in der Vielfalt nationaler Fähigkeiten, kombiniert mit klaren Standards, gemeinsamer Koordination und gelebter Solidarität. Diese Arbeitsteilung – strategische Koordination auf europäischer Ebene und operative Verantwortung bei den Mitgliedstaaten – hat sich bewährt und sollte konsequent weiterentwickelt werden. _ „Die wirksamste politische Lösung wären verbindliche Koordinationsmechanismen, die in außergewöhnlichen Lagen automatisch greifen.“ FOKUS 13 dbb magazin | März 2026
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