dbb magazin Kritische Infrastruktur | Schutzschirm mit Löchern Interview | THW-Präsidentin Sabine Lackner Betriebs- und Personalräte | Am Puls der Belegschaft 3 | 2026 Zeitschrift für den öffentlichen Dienst
STARTER Mit Gemeinschaft zum Erfolg Der im Februar erzielte Kompromiss in den Tarifverhandlungen des öffentlichen Dienstes der Länder ist nicht nur ein Erfolg der Verhandler am Tariftisch. Tausende Kolleginnen und Kollegen haben ihre Interessenvertretungen bundesweit immer wieder sichtbar gemacht und der Arbeitgeberseite damit signalisiert: Wir stehen gemeinsam für unsere Belange ein, wir kämpfen konstruktiv für faire Einkommen und Arbeitsbedingungen. Dieses Engagement hat entscheidend zum Ergebnis beigetragen. Dasselbe darf für die Betriebs- und Personalräte gelten. Auch sie können nur so stark sein wie die Unterstützung durch die Belegschaften. Wer heute in Jobcentern, Behörden, Kliniken, beim Zoll oder anderswo im öffentlichen Dienst arbeitet, spürt: Aufgaben wachsen, Stellen fehlen, der Druck steigt. Trotzdem soll Transformation nebenbei gelingen. Genau deshalb ist Mitbestimmung kein Verwaltungsritual, sondern Betriebsbedingung. Personal- und Betriebsräte sind Übersetzer zwischen Reformplänen und Realität. Sie organisieren eine fairere Verteilung von Arbeit, treiben wirksames Eingliederungsmanagement voran und halten die Verbindung zur Belegschaft – gerade dort, wo Beteiligung sonst zur lästigen Pflicht erklärt würde.Die Herausforderungen werden in Zukunft nicht kleiner. Beispiel Digitalisierung: Wenn Arbeit digital wird, muss auch gewerkschaftliche Kommunikation zeitgemäß möglich sein, sonst verlieren Interessenvertretungen strukturell den Anschluss. Zugleich wird der KI-Einsatz als Chance zur Entlastung beschrieben, stellt aber auch ein Feld dar, in dem Betriebs- und Personalräte wachsam bleiben müssen, damit Automatisierung nicht zum Synonym für Stellenabbau wird. Dieser Spagat ist nur mit starken Interessenvertretungen zu meistern und erfordert den Rückhalt der Beschäftigten. Sie sollten die im März anstehenden Betriebsratswahlen dazu nutzen, echte Beteiligung einzufordern und ihre Interessenvertretungen mit Stimme oder Kandidatur zu stärken, denn Staatsmodernisierung passiert nicht in Organigrammen und Reformpapieren, sondern direkt am Arbeitsplatz. br 12 4 17 TOPTHEMA Betriebs- und Personalräte AKTUELL TARIFPOLITIK Einkommensrunde öffentlicher Dienst der Länder: Die Länder halten den Anschluss 4 Warnstreiks, Demos und Aktionen zur Einkommensrunde: Öffentlicher Dienst in Aktion 6 NACHRICHTEN Interviews in WirtschaftsWoche und Tagesspiegel: Preis-Leistung im Ungleichgewicht 9 Dunkelfeldstudie zu Gewalt: Schweigen entsteht, wo Vertrauen fehlt 10 FOKUS INTERVIEW Sabine Lackner, Präsidentin des Technischen Hilfswerks (THW): Hybride Angriffe zielen auch auf das Vertrauen in Staat und Gesellschaft 12 BRENNPUNKT Stromausfall: Wie Menschen in der Krise zusammenrücken 14 ONLINE KRITIS-Dachgesetz: „Sicherheit ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“ 17 GESUNDHEIT Stress und psychische Erkrankungen: Wie man den Löwen entkommt 20 INTERN DOSSIER MITBESTIMMUNG Personal- und Betriebsräte: Am Puls der Belegschaft 24 Mitbestimmung im Betrieb: Betriebsratswahl – jede Stimme zählt! 28 FRAUEN Gleichstellung in der Personalvertretung: Frauen für Betriebs- und Personalräte gewinnen 31 JUGEND Recht auf Teilzeit: Pauschalurteile gehen an der Realität vorbei 32 EUROPA Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im EU-Parlament: „Die EU steht für fairen Wettbewerb“ 34 SERVICE Impressum 41 KOMPAKT GEWERKSCHAFTEN 44 28 Model-Foto: Peopleimages/Colurbox.de AKTUELL 3 dbb magazin | März 2026
TARIFPOLITIK Einkommensrunde öffentlicher Dienst der Länder Die Länder halten den Anschluss Am 14. Februar 2026 haben sich der dbb und die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) in Potsdam auf einen Kompromiss im Tarifstreit geeinigt. Tarifbeschäftigte der Länder erhalten 5,8 Prozent mehr Geld. Einheizen vor der dritten Verhandlungsrunde: dbb-Chef Volker Geyer mit demonstrierenden Kolleginnen und Kollegen in Potsdam. Ein Arbeitsvorgang umfasst alle Aufgaben, die zusammengehören, um ein bestimmtes Arbeitsergebnis zu erzielen. Dabei müssen die einzelnen Arbeitsschritte nötig sein, um ein Ergebnis zu erreichen. Sie können dabei unterschiedlich schwierig sein und verschiedene Fachkenntnisse erfordern. In jedem Falle ist das Gesamtergebnis entscheidend, nicht die einzelnen Schritte. Für die Eingruppierung gilt: Ein Arbeitsvorgang bestimmt die Entgeltgruppe, wenn er mindestens 50 Prozent der Arbeitszeit ausmacht. Wichtig dabei: Wenn ein Arbeitsvorgang anspruchsvolle Anforderungen enthält, zählt das für den gesamten Arbeitsvorgang und nicht nur für den kleinen Zeitanteil der schwierigen Tätigkeit. Den Arbeitsvorgang wollte die TdL als Hebel nutzen, um umfangreiche Herabgruppierungen durchzusetzen. Vor Gericht hat die TdL mit ihrem „Kahlschlag-Ansatz“ bereits Schiffbruch erlitten. Im Zuge der Verhandlungen sollten die Gewerkschaften einer Änderung der Protokollerklärung zu § 12 TV-L zustimmen und damit der TdL die Möglichkeit eröffnen, unzählige Kolleginnen und Kollegen herabzugruppieren. Das hat der dbb abgelehnt und damit in Kauf genommen, dass sich die TdL daraufhin konstruktiven Verhandlungen zu anderen drängenden Themen verweigert hat. Mit dem Vorgehen der TdL hätten viele Beschäftigte massive Einbußen erlitten und der TV-L wäre im Wettbewerb um zukünftige Fachkräfte im Vergleich zum TVöD massiv ins Hintertreffen geraten. Der Arbeitsvorgang Unsere Beharrlichkeit und Geschlossenheit haben den Durchbruch gebracht“, sagte dbb-Chef und Verhandlungsführer Volker Geyer in Potsdam. Der zuvor erzielte Tarifkompromiss für den öffentlichen Dienst der Länder sieht eine lineare Entgelterhöhung um 5,8 Prozent und weitere strukturelle Verbesserungen vor. „Natürlich ist das ein Kompromiss und nicht alle unsere Forderungen konnten umgesetzt werden“, erklärte Geyer. „Die Ergebnisse bedeuten aber konkrete und nachhaltige Verbesserungen für unsere Kolleginnen und Kollegen – und das in einer extrem schwierigen politischen und wirtschaftlichen Gesamtsituation. Dass die Einkommen spürbar steigen, ist enorm wichtig für die Menschen, die dieses Land rund um die Uhr am Laufen halten.“ Knackpunkt Arbeitsvorgang Die dbb-Verhandlungs- und dbb-Bundestarifkommission hatten sich die Entscheidung, dem Tarifkompromiss zuzustimmen, nicht leicht gemacht, folgten am Ende aber der Einschätzung von dbb-Tarifchef Andreas Hemsing. „Das Einigungspaket hilft uns 4 AKTUELL dbb magazin | März 2026
weiter“, sagte er in Potsdam. Obwohl viele öffentliche Arbeitgebende in der jüngsten Zeit die Notwendigkeit erkannt hätten, die stufengleiche Höhergruppierung endlich auch im Länderbereich einzuführen und die Ungerechtigkeit bei der Überstundenregelung für Teilzeitkräfte zu beseitigen, hätten diese Einsichten geopfert werden müssen, „weil die TdL sich beim ideologisch vollkommen überhöhten Arbeitsvorgang nicht durchgesetzt hat. Das ist extrem bitter für die betroffenen Beschäftigten.“ Volker Geyer lobte dennoch die erreichten strukturellen Verbesserungen: „Zum Beispiel die Erhöhung der Wechselschichtzulage, die Angleichung beim Kündigungsschutz Ost an West und ein Ausbildungspaket mit deutlichen Verbesserungen für junge Menschen, die ihre Karriere im öffentlichen Dienst beginnen.“ Beendet ist die Einkommensrunde für den dbb damit jedoch noch nicht. „Wir fordern die zeitgleiche und systemgerechte Übertragung der Ergebnisse auf die Beamtinnen und Beamten der Länder und Kommunen. Jedem Versuch, bei der Besoldung und Versorgung inhaltlich Abstriche zu machen oder die Umsetzung zu verzögern, werden wir uns massiv widersetzen“, machte der dbb-Chef deutlich. _ Die Bundestarifkommission des dbb stimmte dem Tarifkompromiss nach eingehender Diskussion am 14. Februar 2026 zu. Von den Verhandlungen mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) sind etwa 3,5 Millionen Beschäftigte betroffen: direkt circa 1,1 Millionen Tarifbeschäftigte der Bundesländer (außer Hessen), indirekt circa 1,4 Millionen Beamtinnen und Beamte der entsprechenden Länder und Kommunen sowie rund eine Million Versorgungsempfängerinnen und Versorgungsempfänger. Hintergrund > Einkommenserhöhung um 5,8 Prozent (zum 1. April 2026 um 2,8 Prozent, mindestens 100 Euro, zum 1. März 2027 um 2 Prozent und zum 1. Januar 2028 um 1 Prozent). > Das Entgelt in Entgeltgruppe 1 Stufe 2 erhöht sich bereits zum 1. Januar 2027 um 2 Prozent. Sonstige dynamisierte Entgeltbestandteile erhöhen sich ab dem 1. April 2026 um 2,82 Prozent, ab dem 1. März 2027 um weitere 2 Prozent und ab dem 1. Januar 2028 um ein weiteres Prozent. > Die Ausbildungsentgelte der Auszubildenden, die Entgelte der dual Studierenden und die Tarifentgelte der Praktikantinnen und Praktikanten erhöhen sich ab dem 1. April 2026 um 60 Euro, ab dem 1. März 2027 um weitere 60 Euro und ab dem 1. Januar 2028 um weitere 30 Euro. Die Studienentgelte für praxisintegriert dual Studierende in der betreffenden Richtlinie der TdL erhöhen sich entsprechend. > Erhöhung der Zulagen für Schicht- und Wechselschichtarbeit > Anpassung der Kündigungsschutzregelungen Ost an West > Ausbildungspaket, unter anderem mit einer Erhöhung der Ausbildungsentgelte um 150 Euro > Laufzeit 27 Monate bis 31. Januar 2028 Der Abschluss im Detail Volker Geyer (links) erläuterte die erzielte Einigung vor der Presse in Potsdam. © Friedhelm Windmüller (3) AKTUELL 5 dbb magazin | März 2026
Am 20. Januar 2026 legten Beschäftigte der Finanzämter im Rheinland Spielbanken lahm. Weitere Kundgebungen fanden in Aachen, Bonn, Essen und Köln statt. Am 21. Januar gingen die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Leipzig und München auf die Straße. In Leipzig betonte Nannette Seidler, Vorsitzende des Sächsischen Beamtenbunds (SBB): „Wer in den Ländern einen zukunftsfähigen öffentlichen Dienst will, muss auch gut bezahlen.“ „Die Verweigerungshaltung der Länder ist unerträglich, angesichts der enormen Aufgaben, vor denen der öffentliche Dienst steht“, sagte dbb-Tarifchef Andreas Hemsing am 21. Januar 2026 in München vor mehr als 1 000 Demonstrierenden. Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in den Staat ist auf dem Tiefpunkt. „Und hier in Bayern haben wir zunehmend das Problem, dass die Beamtinnen und Beamten das Vertrauen in ihren Dienstherrn verlieren“, ergänzte Rainer Nachtigall, Vorsitzender des Bayerischen Beamtenbunds (BBB). „Es ist ein Novum, dass ein Ministerpräsident ankündigt, das Ergebnis erst verzögert auf die Beamtinnen und Beamten zu übertragen, bevor es überhaupt feststeht. Wir fordern und erwarten das Gegenteil: Bayern muss sich in der Tarifgemeinschaft deutscher Länder dafür einsetzen, dass die Landesparlamente das Ergebnis zeit- und wirkungsgleich auf die Beamtinnen und Beamten übertragen.“ Leere Stühle in Hamburg 500 leere Stühle auf dem Hamburger Rathausmarkt – das Symbol für den Personalmangel im öffentlichen Dienst zeigte am 22. Januar, wie Warnstreiks, Demos und Aktionen zur Einkommensrunde Öffentlicher Dienst in Aktion München, 21. Januar Hamburg, 22. Januar Vor der entscheidenden dritten Runde im Tarifstreit hat der dbb den Druck auf die Arbeitgeberseite deutlich erhöht. Tausende Kolleginnen und Kollegen setzten im Januar und Februar bundesweit spürbare Zeichen für eine gerechte Einkommensentwicklung im öffentlichen Dienst. © Friedhelm Windmüller © Anne Oschatz © Anne Oschatz 6 AKTUELL dbb magazin | März 2026
ernst die Lage ist. Landesbeschäftigte untermauerten ihre Forderungen gegenüber den öffentlichen Arbeitgebern mit Demo und ganztägigem Warnstreik. In ihrer Freizeit hatten die Kundgebung auch zahlreiche Beamtinnen und Beamte besucht. dbb-Landeschef Thomas Treff forderte die zeit- und wirkungsgleiche Übertragung des zu erreichenden Tarifergebnisses auf den Beamtenbereich: „Signale wie die aus Bayern, die Übertragung ein halbes Jahr zu verzögern, machen euch zu Recht wütend.“ Ebenfalls am 22. Januar haben Beschäftigte der Straßenverkehrsdienste drei Straßentunnel in Niedersachsen bestreikt. Die betroffenen Kolleginnen und Kollegen machten ihrer Enttäuschung vor dem Butterbergtunnel in Osterode Luft. Alexander Zimbehl, 1. Landesvorsitzender des dbb niedersachsen, wies auf steigende Lebenshaltungskosten hin: „Die Einkommen halten damit nicht Schritt. Die Landesregierung muss denjenigen, die unser Land täglich am Laufen halten, auskömmliche Gehälter garantieren, besonders in den unteren Einkommensgruppen.“ Hermann-Josef Siebigteroth, Bundesvorsitzender der Fachgewerkschaft der Straßen- und Verkehrsbeschäftigten (VDStra.), kritisierte strukturelle Probleme: „Beschäftigte im Straßen- und Verkehrswesen werden je nach Arbeitgeber unterschiedlich bezahlt, trotz vergleichbarer Verantwortung, Qualifikation und Belastung. Es ist inakzeptabel, dass diese systemrelevante Arbeit unterschiedlich vergütet wird.“ Nach tagelangen Warnstreiks in ganz Sachsen kamen am 29. Januar 2026 2 500 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in Dresden zusammen. Der dbb-Bundesvorsitzende Volker Geyer kritisierte die Rhetorik der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL): „Wir mussten uns anhören, dass unsere Forderungen ‚astronomisch‘ seien. Das eigentliche Astronomische am öffentlichen Dienst sind aber die Überstundenberge, die die Kolleginnen und Kollegen anhäufen müssen, weil ihnen stetig neue Aufgaben übertragen werden.“ Am Vortag hatten über 500 Beschäftigte in Magdeburg demonstriert. Maik Wagner, dbb-Vize und Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Sozialversicherung (GdS), machte deutlich: „Wir erwarten zu Recht ein wertschätzendes Angebot.“ Zugleich betonte er die besondere Verantwortung der Kolleginnen und Kollegen im öffentlichen Dienst: „Wir sorgen 365 Tage im Jahr für Sicherheit in unserem Land.“ Ulrich Stock, Landesvorsitzender des dbb sachsen-anhalt, kritisierte die Haltung der Länder deutlich: „Attraktivität eines Arbeitgebers beginnt bei der Entlohnung.“ Am 3. Februar demonstrierten unter dem Motto „Jetzt geht’s um die Wurst“ zahlreiche Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in Erfurt. Milanie Kreutz, stellvertretende dbb-Bundesvorsitzende und Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung, betonte auf der Kundgebung: „Wir fordern das, was wir verdienen. Das Einkommen der Beschäftigten muss konkurrenzfähig sein und mit der Inflation mithalten können – mindestens.“ Der Landesvorsitzende des thüringer beamtenbundes (tbb), Frank Schönborn, ergänzte: „Wer Fachkräfte anwerben und halten will, muss anständig entlohnen.“ Wenn die Länder nicht in ihre Beschäftigten investieren, nehme langfristig nicht nur der öffentliche Dienst Schaden, warnte dbb-Chef Volker Geyer am 4. Februar 2026 in Hannover. Ohne konkurrenzfähige Einkommen würden noch mehr Kolleginnen und Kollegen in die Privatwirtschaft abwandern. Zeitgleich demonstrierten auch in Mainz 2 500 Beschäftigte. „Ständig beschließt die Politik neue Aufgaben, die Beschäftigten in praktisch allen Teilen des öffentlichen Dienstes sind permanent überlastet. Da ist eine angemessene Erhöhung der Einkommen das absolute Minimum, das die Kolleginnen und Kollegen erwarten dürfen“, sagte dort dbb-Tarifchef Andreas Hemsing. Die Vorsitzende des dbb rheinland-pfalz, Lilli Lenz, stellte klar, dass die Landesregierung einen möglichen Tarifabschluss auf die Beamtinnen und Beamten des Landes und der Kommunen übertragen muss. Am 5. Februar zog es 4 800 Beschäftigte in Stuttgart auf die Straße. Der BBW-Landesvorsitzende Kai Rosenberger unterstrich: „Die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes sind die Grundlage für einen Hannover, 26. Januar Madgeburg, 26. Januar Nürnberg, 2. Februar Hamburg, 22. Januar © Friedhelm Windmüller © Friedhelm Windmüller © Friedhelm Windmüller © Anne Oschatz AKTUELL 7 dbb magazin | März 2026
Mehr Bilder und Infos zu allen Demos, Aktionen, Warnstreiks und Mahnwachen: dbb.de/einkommensrunde Webtipp Hamburg, 10. Februar Düsseldorf, 10. Februar Mainz, 4. Februar Erfurt, 3. Februar Stuttgart, 5. Februar © Nathalie Zimmermann © Volker Hielscher © Friedhelm Windmüller © Anne Oschatz © Friedhelm Windmüller handlungsfähigen Staat. Arbeitgebende, die in den Verhandlungen blockieren, blockieren die Funktionsfähigkeit unseres Landes!“ Ins kalte Wasser gesprungen Nachdem am 6. Februar Beschäftigte der Straßenmeistereien an den Standorten Lübeck, Husum, Heide und Westerrönfeld gestreikt und sich Kolleginnen und Kollegen zu Mahnwachen in Hamburg und Münster versammelt hatten, erlebte die Protestwelle am 10. Februar kurz vor der dritten Verhandlungsrunde ihren Höhepunkt. In Hamburg protestierten rund 2 200 Beschäftigte – einige von ihnen mit einem Sprung in die Elbe. „Wir gehen baden, damit der Norden nicht absäuft“, sagte dbb-Vize Andreas Hemsing. dbb-Landeschef Thomas Treff verwies auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten und Kai Tellkamp, Vorsitzender des dbb schleswig-holstein, forderte erneut, die systemgerechte und zeitgleiche Übertragung des Tarifergebnisses auf die Beamtinnen und Beamten umzusetzen. „Wir sind heute in die Elbe gesprungen, weil junge Beschäftigte jeden Monat ins kalte Wasser geworfen werden, mit zu niedrigen Einkommen und unsicheren Perspektiven“, sagte dbb jugend-Chef Matthäus Fandrejewski. In Saarbrücken gingen am 10. Februar rund 1 000 Beschäftigte auf die Straße. „Trotz Personalmangel an den Schulen, in der Justiz, bei der inneren Sicherheit, im Bereich des Landesbetriebes für Straßenbau, in den unterschiedlichsten Verwaltungsbereichen oder in den Krankenhäusern ist die TdL nicht bereit, eine Schippe draufzulegen und ein verhandelbares Angebot zu machen“, beklagte Sascha Alles, Vorsitzender des dbb beamtenbund und tarifunion saar. „Das Bestandspersonal wird nicht wertgeschätzt und das Saarland damit weiter abgehängt.“ Alles sieht die Attraktivität des Saarlandes als Arbeitgeber gefährdet. „Die Folgen wären: steigender Frust beim Bestandspersonal, höhere Fluktuation in manchen Bereichen, die dann nicht mehr handlungsfähig wären.“ In Düsseldorf demonstrierten am 10. Februar über 16 000 Kolleginnen und Kollegen. Roland Staude, 1. Vorsitzender des DBB NRW, machte bei der Auftaktkundgebung vor dem NRW-Finanzministerium den Ernst der Lage deutlich: „Ohne konkurrenzfähige Bezahlung verlieren wir die Menschen, die unser Gemeinwesen am Laufen halten. Gute Arbeitsbedingungen sind kein Luxus. Sie sind elementare Voraussetzung für funktionierende Sicherheit und Infrastruktur, Schulen, Kliniken, Finanz- und Justizverwaltungen. Hier steht die TdL in der Verantwortung. Öffentliche Daseinsvorsorge gibt es nicht mit Beschäftigten am Limit, sondern nur mit einer hohen Motivation durch Respekt und gute Entlohnung. Die heutige Demonstration ist ein Signal an die Arbeitgeber, endlich ein verhandlungsfähiges Angebot vorzulegen. Die Tausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben eindrucksvoll bewiesen, dass da noch ordentlich Druck auf dem Kessel ist.“ _ 8 AKTUELL dbb magazin | März 2026
Laut der dbb-Bürgerbefragung meinen immerhin 50 Prozent der Menschen, der öffentliche Dienst sei zu teuer. Für Geyer ist das aber kein Grund für Zurückhaltung bei Tarifverhandlungen. Im Interview mit der WirtschaftsWoche (Ausgabe vom 2. Februar 2026) erklärte er: „Das Problem ist ein anderes: Die gleiche Umfrage hat ergeben, dass 73 Prozent unseren Staat nicht mehr für handlungsfähig halten. Die Leute zahlen hohe Steuern und Gebühren, erhalten dafür aber oft keine adäquate staatliche Gegenleistung mehr, obwohl die Beschäftigten ihr Bestes geben. Ein Staat, der seine Aufgaben nicht erfüllt, erscheint vielen dann in der Tat als ‚zu teuer‘. Weil das Preis- Leistungs-Verhältnis nicht stimmt.“ Ein Grund sei die permanente Überlastung der Beschäftigten: Zwar habe es in den vergangenen Jahren einen Personalzuwachs gegeben, aber: „Schauen Sie sich allein den Bereich der öffentlichen Sicherheit an. Oder Migration und Gesundheitsversorgung. Der Bund beschließt zudem ständig neue Leistungsgesetze, die von Ländern und Kommunen umgesetzt werden müssen. Dafür braucht man mehr Personal. Das ändert aber nichts an den massiven demografischen Problemen, die auf uns zurollen. Nach unseren Berechnungen fehlen schon heute im öffentlichen Dienst rund 600 000 Fachkräfte, darunter allein über 100 000 Lehrkräfte. In den nächsten zehn Jahren gehen 1,4 Millionen Menschen aus dem öffentlichen Dienst in den Ruhestand. Die Lage ist brandgefährlich.“ Wenn der Staat handlungsfähig bleiben wolle, müsse er beim Wettbewerb um knappes Personal attraktive Arbeitsplätze bieten, die es mit der Privatwirtschaft aufnehmen können. Dass moderne Beschäftigungsbedingungen grundlegend zur Attraktivität des öffentlichen Dienstes als Arbeitgeber beitragen, bekräftigte Geyer in einem Interview mit dem Tagesspiegel am 9. Februar 2026 und verteidigte das Recht auf Teilzeit. „Die Beschäftigten in Deutschland sind sehr fleißig. Ein Begriff wie ‚Lifestyle-Teilzeit‘ ist deshalb total daneben, und wenn Politiker den Leuten sagen, ihr müsst noch mehr arbeiten und noch mehr arbeiten, dann verkennt das die Wirklichkeit in den Betrieben und Dienststellen. Wir erwarten einen wertschätzenden Umgang von der Politik und von den Arbeitgebern mit den Beschäftigten.“ Der dbb-Bundesvorsitzende zeigte sich außerdem zuversichtlich, dass die Bundesregierung bald einen Gesetzentwurf für eine verfassungskonforme Besoldung vorlegt: „Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zur Besoldung in Berlin müssen die neuen Parameter im Gesetzentwurf berücksichtigt werden. Ich verlasse mich auf die Zusage des Bundesinnenministers.“ Kritik übte Geyer an den unsachlichen Debatten über die Versorgung: „Für die Pensionsverpflichtungen hätten Bund und Länder konsequent Rückstellungen bilden müssen. Sie sparen ja in der aktiven Phase auch enorme Summen. Das fordern wir seit Jahrzehnten, doch kaum jemand macht das.“ _ NACHRICHTEN Interviews in WirtschaftsWoche und Tagesspiegel Preis-Leistung im Ungleichgewicht Für dbb-Chef Volker Geyer ist klar, warum viele Bürgerinnen und Bürger den öffentlichen Dienst „zu teuer“ finden. Die Schuld tragen aber nicht die Beschäftigten. Handlungsfähigkeit des Staates im Fokus Bei einem Treffen mit dem Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, hat dbb-Chef Volker Geyer die Bedeutung des Berufsbeamtentums unterstrichen. „Soziale Sicherheit, wirtschaftlicher Aufschwung, internationale Herausforderungen: Mehr denn je brauchen wir einen handlungsfähigen Staat“, betonte Geyer in dem Gespräch am 3. Februar 2026. „Eine funktionierende Daseinsvorsorge und eine leistungsstarke Infrastruktur gibt es nur dank des unermüdlichen Einsatzes der Kolleginnen und Kollegen im öffentlichen Dienst. Um die Rahmenbedingungen für sie zu verbessern, setzen wir auf die parlamentarische Unterstützung der Unionsfraktion, insbesondere bei der Staatsmodernisierung und der Digitalisierung der Verwaltung.“ Der dbb-Bundesvorsitzende unterstrich außerdem die Bedeutung des Berufsbeamtentums: „Gerade jetzt zeigt sich sein großer Wert“, so Geyer. „Nur durch das Berufsbeamtentum kann der Staat streikfreie Bereiche garantieren. Zudem haben alle Beamtinnen und Beamte einen Eid auf das Grundgesetz abgelegt und sind damit ein Bollwerk der Demokratie.“ Treffen mit Unionsfraktionschef © Jan Brenner Model-Foto: Media Whale Stock/Colurbox.de AKTUELL 9 dbb magazin | März 2026
Dunkelfeldstudie zu Gewalt Schweigen entsteht, wo Vertrauen fehlt Die neue Studie des BKA zeigt, dass weniger als zehn Prozent der Gewalterfahrungen angezeigt werden. Das hängt auch mit den Kapazitäten des öffentlichen Dienstes zusammen. dbb-Chef Volker Geyer sagte am 12. Februar 2026: „Unser Anspruch muss sein, das Dunkelfeld so weit wie möglich zu schließen. Das gelingt nur mit ausreichendem Personal, verlässlichen Strukturen und gezielten Investitionen in die besonders belasteten Bereiche des öffentlichen Dienstes. Überlastete Behörden können kein wirksames Schutznetz sein.“ Es sei ein gemeinsames Vorgehen auf allen Ebenen notwendig: „Bund, Länder und Kommunen müssen abgestimmt handeln. Schutzräume, Frauenhäuser und Beratungsstellen dürfen nicht von Haushaltslagen abhängen. Sicherheit ist eine Kernaufgabe des Staates.“ Auch Kolleginnen in Polizei, Justiz, Schulen, sozialen Diensten und Verwaltungen tragen täglich Verantwortung für andere, sind aber auch selbst von sexueller Belästigung, Stalking oder partnerschaftlicher Gewalt betroffen. „Sie tragen Uniform oder Amtsbezeichnung und erleben dennoch dieselben Grenzverletzungen, die die Studie beschreibt. Das verlangt mehr als warme Worte. Es verlangt Schutzkonzepte, verlässliche psychosoziale Unterstützung und eine klare Haltung der Dienstherren.“ „Jede zweite Frau hat bereits sexuelle Belästigung erlebt. Das muss uns als Gesellschaft beschämen“, machte Milanie Kreutz, stellvertretende dbb-Bundesvorsitzende und Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung, deutlich. Die Studie zeigt zudem, dass Frauen häufiger und in besonderer Weise von partnerschaftlicher und geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind, insbesondere bei sexuellen Übergriffen, sexueller Belästigung und Stalking. „Hier wird ein strukturelles Ungleichgewicht sichtbar, das wir nicht relativieren dürfen.“ Auch das Ausmaß nicht angezeigter Gewalt erschüttert, wenn 19 von 20 Taten im Verborgenen bleiben. „Hier stimmt etwas im System nicht. Schweigen entsteht nicht im luftleeren Raum. Es wächst dort, wo Vertrauen fehlt oder Unterstützung nicht leicht zugänglich ist.“ Denn hinter den Zahlen liegen die Geschichten echter Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensbiografien. „Sie eint die Erfahrung, dass ihre Grenzen missachtet und ihre Würde verletzt wurde. Sie eint das Gefühl, in einem Moment der Entwürdigung allein gewesen zu sein. Und sie eint leider viel zu oft das Schweigen danach.“ Simone Fleischmann, stellvertretende dbb-Bundesvorsitzende und Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, forderte mehr Sensibilisierung in der Bildung für das Thema: „Nicht nur Sicherheit und Intervention sind gefragt, sondern auch eine Haltung, die Gewalt ablehnt. Gewaltprävention beginnt nicht erst im Strafrecht, sondern in den Schulen, in der digitalen Bildung, in der Jugendhilfe und in einer verlässlichen sozialen Infrastruktur.“ Diese Institutionen spielen eine tragende Rolle bei der Persönlichkeitsbildung. Gleichzeitig gab Fleischmann zu bedenken, dass auch die Bildungseinrichtungen entsprechende Kapazitäten und Schulungen brauchen. „Diese Investitionen sind allerdings absolut notwendig. In den Schulen sitzt die Gesellschaft von morgen. Wer hier spart, zahlt später einen hohen gesellschaftlichen Preis.“ Kreutz kritisierte zudem die Kommunikation von Bundesfamilienministerin Karin Prien zu der Studie: „Die Familienministerin rückt das Bild von Jungen und Männern, die ‚in ihrem Rollenverständnis so stark verunsichert sind, dass sie zu Gewalt greifen‘, in den Vordergrund. Dadurch verschiebt sich der Fokus erneut weg vom Kern des Problems. Die Studie beschreibt ein strukturelles Gewalt- und Machtproblem. Sie dokumentiert geschlechtsspezifische Ungleichgewichte, höhere Belastungen und gravierendere Folgen für Frauen. Das muss Maßstab politischer Schlussfolgerungen sein und nichts anderes.“ Die dbb frauen-Chefin unterstrich: „Wenn für die Familienministerin das Schockierendste an dem Ergebnis ist, dass Männer und Frauen gleichermaßen zu 46 Prozent von psychischer Gewalt in der Partnerschaft betroffen seien, dann stellt sie die Ergebnisse verkürzt und irreführend dar.“ Denn die Studie zeigt für Gewalt innerhalb von Partnerschaften deutliche Unterschiede: 48,7 Prozent der Frauen berichten von psychischer Gewalt, gegenüber 40 Prozent der Männer. Vor allem aber macht die Untersuchung deutlich, dass Frauen eine höhere Inzidenz (Anzahl der Gewalthandlungen pro 1 000 Personen) erleben, stärkere Angst empfinden und die Gewalt als schwerwiegender bewerten. „Genau diese Unterschiede sind aber zentral für die Einordnung und dürfen nicht unter den Tisch fallen“, machte Kreutz deutlich. „Wer stattdessen eine vermeintliche Gleichverteilung betont, relativiert die tatsächliche Dimension geschlechtsspezifischer Gewalt.“ _ © Unsplash.com/Getty Images 10 AKTUELL dbb magazin | März 2026
Einkommensrunde abgeschlossen Tarifeinigung mit der Autobahn GmbH Nach intensiven, aber konstruktiven Verhandlungen hat der dbb ein tragfähiges Ergebnis für die Beschäftigten der Autobahn GmbH erzielt. Für die Beschäftigten der Autobahn GmbH gibt es demnächst 7,8 Prozent mehr Einkommen, mindestens aber 360 Euro. dbb-Vize und Verhandlungsführer Andreas Hemsing betonte am 26. Februar 2026 in Berlin: „Der Kern des Ergebnisses ist die lineare Erhöhung in drei Schritten, die mit 7,8 Prozent am Ende sogar deutlich über unseren Forderungen liegt. Ein kumulierter Mindestbetrag von 360 Euro ist wichtig, damit auch die unteren Entgeltgruppen Reallohnerhöhungen erzielen können.“ Die Laufzeit beträgt 26 Monate. Die linearen Steigerungen teilen sich wie folgt auf: 3,4 Prozent zum 1. Mai 2026, mindestens aber 150 Euro. 2,4 Prozent zum 1. Januar 2027, mindestens aber 120 Euro. 2,0 Prozent zum 1. Januar 2028, mindestens aber 90 Euro. Auch für Auszubildende hat der dbb Verbesserungen erreicht: Die Ausbildungsentgelte steigen zum jeweiligen Zeitpunkt zunächst um 75 Euro, anschließend um weitere 50 Euro sowie zum 1. Januar 2028 nochmals um 2 Prozent. Bei einem guten oder sehr guten Abschluss der internen Ausbildung erfolgt die unbefristete Übernahme direkt in Erfahrungsstufe 2. Hemsing weiter: „Natürlich ist eine Tarifeinigung immer ein Kompromiss und nicht alle Forderungen sind in Erfüllung gegangen. Dennoch konnten wir die Einkommen in vielen Bereichen spürbar verbessern. Hinzu kommen soziale Komponenten wie eine betriebliche Krankenzusatzversicherung und die Altersteilzeit. Zudem werden auch die Zuschläge für ständige Schichtarbeit auf monatlich 100 Euro und für Wechselschicht auf 200 Euro angehoben. Diese Maßnahmen sind in den gefährlichen und körperlich fordernden Berufen der Straßen- und Verkehrsbeschäftigten wertvolle Entlastungen und Absicherungen.“ Hermann-Josef Siebigteroth, Bundesvorstand des VDStra., der Fachgewerkschaft der Straßen- und Verkehrsbeschäftigten, dankte den Beschäftigten, die über die letzten Wochen überall in Deutschland demonstriert und gestreikt haben: „Wir waren in dieser Verhandlungsrunde sichtbar wie noch nie. Wir haben landauf, landab ordentlich Druck gemacht und das hat bei der Arbeitgeberin auch Eindruck hinterlassen. Ohne die Beschäftigten funktioniert die Infrastruktur nicht. Das Ergebnis zeigt, dass das die Autobahn GmbH auch erkannt hat.“ _ Erfolgreicher Abschluss: Die dbb-Verhandlungskommission stimmte dem Tarifkompromiss am 26. Februar 2026 zu. © Dominik Schindera
INTERVIEW Sabine Lackner, Präsidentin des Technischen Hilfswerks (THW) Hybride Angriffe zielen auch auf das Vertrauen in Staat und Gesellschaft Sabotage und hybride Angriffe können uns jederzeit treffen. Welche Bedrohungslage treibt Sie aktuell am stärksten um und was heißt das für die Prioritäten im Bevölkerungsschutz? Was mich aktuell besonders umtreibt, ist die Kombination aus Desinformation, gezielter Verunsicherung und der systematischen Schwächung von Institutionen sowie unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts. Hybride Angriffe zielen nämlich nicht nur auf technische Infrastrukturen, sondern ganz bewusst auch auf das Vertrauen in Staat und Gesellschaft. Besonders kritisch ist die Kombination aus solchen hybriden Angriffen und möglichen Kaskadeneffekten auf kritische Infrastrukturen. Wenn Energieversorgung, Kommunikation, Wasser oder IT-Systeme ausfallen, verstärken sich diese Ausfälle gegenseitig. Ein Stromausfall beeinträchtigt Kommunikationsnetze, diese wiederum die Koordination von Einsatzkräften, so entsteht sehr schnell eine dynamische Lage. Entscheidend ist deshalb unsere Fähigkeit, Angriffe frühzeitig als solche zu erkennen und ihre Auswirkungen realistisch einschätzen zu können. Für den Zivilschutz bedeutet das einen klaren Fokus auf Vorsorge, Redundanzen und Durchhaltefähigkeit – auch im THW. Gleichzeitig brauchen wir eine stärkere Verzahnung von Sicherheitsbehörden, Bevölkerungsschutz und Betreibern kritischer Infrastrukturen sowie eine aktive Einbindung der Bevölkerung. Stichwort Handlungsfähigkeit: Im Raum steht, Standards, Zuständigkeiten und Beschaffung an neue Realitäten anzupassen. Wo sitzt aus Ihrer Sicht die größte Stellschraube und welche Reform würden Sie zuerst anstoßen? Aus meiner Sicht liegt die größte Stellschraube bei klar geregelten Zuständigkeiten, verbindlichen Führungsstrukturen und eindeutigen Verantwortlichkeiten – insbesondere bei länderübergreifenden Lagen. Die Strukturen zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Betreibern kritischer Infrastrukturen sollten weiter vereinheitlicht und unnötige Komplexität abgebaut werden. Dabei sind gemeinsame Lagezentren und ein geteilter Lageüberblick zentral. Darüber hinaus müssen wir Prozesse insgesamt resilienter auslegen und die Bevölkerung von Beginn an mitdenken. Ein Positivbeispiel, wie man Bund‑Länder‑übergreifende Zusammenarbeit organisieren kann, ist das Maritime Sicherheitszentrum des Bundes und der Küstenländer in Cuxhaven, das alle Fähigkeiten, Ressourcen und Zuständigkeiten behördenübergreifend mit einheitlichen Entscheidungsstrukturen bündelt. Dafür ist keine Verfassungsänderung notwendig gewesen. „Die Strukturen zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Betreibern kritischer Infrastrukturen sollten weiter vereinheitlicht und unnötige Komplexität abgebaut werden.“ © Jan Holste Sabine Lackner 12 FOKUS dbb magazin | März 2026
Auf der dbb-Jahrestagung haben Sie gesagt, Geld allein löse die Probleme nicht, es gebe „kein Ressourcen-, sondern ein Koordinationsproblem“, gerade bei großflächigen Lagen. Wo bricht die Koordination heute in der Praxis am häufigsten und was wäre die wirksamste politische Lösung? In der Praxis erleben wir Koordinationsprobleme vor allem bei unklaren Führungsübergängen in länderübergreifenden Lagen. Hinzu kommen unterschiedliche IT-Systeme und Meldewege, die einen schnellen Informationsaustausch erschweren. Die wirksamste politische Lösung wären verbindliche Koordinationsmechanismen, die in außergewöhnlichen Lagen automatisch greifen. Wir benötigen gemeinsame, digital unterstützte Lagebilder und interoperable Systeme, um einen Informationsaustausch zu gewährleisten. Ebenso wichtig sind regelmäßige, realistische Großübungen mit Einbindung politischer Entscheidungsträger. Denn nur, wenn Abläufe auch unter realitätsnahen Bedingungen getestet werden, können wir Schwachstellen rechtzeitig erkennen. Resilienz entsteht nicht auf Papier: Sind verbindlichere Standards für Trainings und Simulationen bei Behörden, kritischer Infrastruktur und Einsatzkräften notwendig, und welche Rolle sollte das THW dabei dauerhaft haben? Ja, verbindlichere Trainings- und Simulationsstandards sind notwendig. Resilienz entsteht nicht allein durch Konzepte auf dem Papier, sondern durch konsequente Vorbereitung, realitätsnahe Ausbildung und regelmäßige Übungen. Beim Technischen Hilfswerk sind Ausbildungen und Übungen fester Bestandteil des ehrenamtlichen Engagements. Sie ermöglichen es, Abläufe unter kontrollierten Bedingungen zu erproben, Schwachstellen frühzeitig zu erkennen und kontinuierlich nachzusteuern. Ein zentraler Aspekt ist für uns das Prinzip „In Krisen Strukturen kennen“. Durch gemeinsame Übungen mit Feuerwehren, Hilfsorganisationen und Krisenstäben stärken wir genau dieses Verständnis. So können die Akteure des Bevölkerungsschutzes im Ernstfall eingespielt und abgestimmt handeln. Unsere Rolle ist klar definiert: Wir leisten technische Hilfe im Zivilschutz, unterstützen die Gewährleistung der Daseinsvorsorge kritischer Infrastrukturen und bringen unsere Fähigkeiten in gemeinsame Übungen zur Aufrechterhaltung lebenswichtiger Strukturen ein. Damit leisten wir einen nachhaltigen Beitrag zur Krisenfestigkeit unseres Landes. Zur politischen Debatte gehört auch Vertrauen: Nach dem Anschlag auf die Berliner Stromversorgung im Januar gab es teils heftige Kritik an den Reaktionszeiten und der Durchführung einzelner Maßnahmen. Was müssen Verantwortliche und Medien bei der Krisenkommunikation ändern, damit Vorsorgeentscheidungen politisch und gesellschaftlich tragen? Wir brauchen eine grundlegende und kontinuierliche Risikokommunikation, und zwar nicht erst im Ereignisfall. Zum Bevölkerungsschutz gehört auch, die Resilienz der Bevölkerung zu stärken und realistisch zu vermitteln, welche Risiken bestehen und dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Die Erwartungen müssen an die Realität angepasst werden. Die Bevölkerung ist Teil des Bevölkerungsschutzes durch Vorsorge, Eigenverantwortung und informierte Mitwirkung. Krisenkommunikation ist maßgeblich von Vertrauen abhängig. Deshalb müssen Verantwortliche offen, ehrlich, schnell und transparent kommunizieren. Nur wenn Informationen nachvollziehbar und konsistent sind, tragen Vorsorgeentscheidungen politisch und gesellschaftlich. Das THW lebt vom Ehrenamt: Gelingt es, Menschen dauerhaft zu motivieren und zu binden? Das Ehrenamt im Technischen Hilfswerk basiert auf Gemeinschaft. Langfristige Motivation entsteht, wenn sich Menschen wertgeschätzt und eingebunden fühlen. Unsere Organisationskultur war seit jeher bereits werteorientiert und kameradschaftlich und entwickelt seit einigen Jahren mit Kulturkreisen und Workshops zu den Themen Teamarbeit und Miteinander einen wichtigen Rahmen hierfür weiter. Sie basiert auf fünf Kulturdimensionen: Unsere Teams reflektieren ihr Miteinander durch eine Willkommens-, Anerkennungs-, Führungs-, Kommunikations- und Ausbildungskultur. So entsteht ein zeitgemäßes und gesundes Klima im THW, das den Zusammenhalt stärkt und Ehrenamtliche dauerhaft bindet. Welche Rolle soll das THW im EU-Katastrophenschutzverfahren (UCPM) spielen – benötigt Europa mehr gemeinsame operative Fähigkeiten inklusive Standards zur Interoperabilität und gegebenenfalls zur gemeinsamen Beschaffung oder reicht bessere Koordination? Das Technische Hilfswerk versteht sich als zentraler operativer Partner im EU-Katastrophenschutzverfahren. Unsere Aufgabe besteht darin, unsere hoch spezialisierten Fähigkeiten, wie etwa Wasseraufbereitung, Bergung und den Einsatz von Hochleistungspumpen, passgenau in das europäische System einzubringen. Die Frage „Fähigkeiten versus Koordinierung“ ist kein Entweder-oder. Europa verfügt mit den zertifizierten EU-Modulen bereits über verbindliche Mindeststandards, die echte Interoperabilität schaffen. Wo Lücken bestehen, greift das Instrument rescEU als solidarisches Sicherheitsnetz. Ein Beispiel hierfür ist die deutsche rescEU-CBRN-Dekontaminationskapazität, die gemeinsam vom THW, der Bundespolizei und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe umgesetzt wird. Sie ermöglicht unter anderem die Dekontamination großer Infrastrukturflächen, zahlreicher Fahrzeuge sowie Hunderter Personen pro Stunde. Mein Fazit ist klar: Wir brauchen keine zentralisierten EU-Einheiten. Die Stärke Europas liegt in der Vielfalt nationaler Fähigkeiten, kombiniert mit klaren Standards, gemeinsamer Koordination und gelebter Solidarität. Diese Arbeitsteilung – strategische Koordination auf europäischer Ebene und operative Verantwortung bei den Mitgliedstaaten – hat sich bewährt und sollte konsequent weiterentwickelt werden. _ „Die wirksamste politische Lösung wären verbindliche Koordinationsmechanismen, die in außergewöhnlichen Lagen automatisch greifen.“ FOKUS 13 dbb magazin | März 2026
BRENNPUNKT Stromausfall Wie Menschen in der Krise zusammenrücken Offizielle Hilfsdienste leisteten während des Blackouts Anfang Januar im Südwesten Berlins wichtige Schadensbegrenzung, doch die Hilfe in der Nachbarschaft zählte für viele Betroffene am meisten. In der 13. Stunde gab es eine Situation, wie man sie bisher nur aus Katastrophenfilmen kannte: In abgekühlten Wohnungen sitzen Familien und Senioren, Alleinstehende und Menschen mit ihren Haustieren im Dunkeln. Bei einigen sind seit 6.10 Uhr, als der Stromausfall beginnt, die elektrischen Fensterrollläden nicht mehr hochgefahren und die Autos in der Garage eingeschlossen. Am Sonnabend, dem 3. Januar 2026, haben Linksextremisten in Berlin einen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke verübt. Draußen liegt Schnee und es wird glatt. In den nachfolgenden Tagen wird die Temperatur bis auf −11 Grad fallen. Rund 45 000 Haushalte, über 100 000 Menschen, sind ohne Elektrizität. „Zuerst dachte ich, der Lichtschalter ist kaputt“, sagt Christiane Theobald, eine Betroffene am Mexikoplatz. Aber auch nachdem sie die Sicherungen im Haus überprüft und die Nachbarn befragt hat, lässt sich keine Fehlerquelle finden. Erst der Blick aus dem Fenster zeigt, dass das ganze Viertel im Dunkeln liegt. „Nur unsere Straße schien hell erleuchtet – weil sie noch alte Gaslaternen hat.“ Derweil geben die Handys keine Information her, denn auch die Mobilfunkmasten sind ohne Strom lahmgelegt. Die Warn-App zeigt zwar einen Link, aber der läuft ins digitale Nirwana. Whatsapp-Gruppe mit den Nachbarn Christiane Theobald, noch vor einiger Zeit kommissarische Intendantin des Staatsballetts Berlin, ist vergleichsweise gut vorbereitet. Sie hat ein DAB+-Radio und schaltet das akkubetriebene Gerät zur vollen Stunde für Nachrichten ein; bis 18.30 Uhr seien alle wieder am Netz. Ihr Mann holt den Camping-Gasherd und einen voll geladenen Notstromakku. „Damit haben wir fröhlich das Zimmer mit der Klimaanlage geheizt und die Kühlschränke weiterlaufen lassen“, erzählt sie. Aber der Strom kommt nicht zurück. Nun heißt es, die Reparaturen würden bis Donnerstagnachmittag dauern. Während die Leute warm eingepackt bei Kerzenlicht der ersten kalten Nacht entgegensehen – manche sind bereits zu Familie 14 FOKUS dbb magazin | März 2026
oder Freunden in andere Stadtbezirke geflüchtet –, verteilt Christiane Theobald heißes Wasser an ihre Nachbarn. „Wir haben als Hausgemeinschaft in Mänteln zusammengesessen, Kuchen gegessen und viel gelacht“, sagt sie. „Der große Blackout hat gezeigt, wie verletzlich unser Alltag ist; aber auch, wie wichtig ein gutes Miteinander im Haus sein kann.“ Als nach zwei Tagen der Internetempfang wiederhergestellt ist, gründen sie eine Whatsapp-Gruppe, die auch in Zukunft weiterexistieren wird. Die Nachbarn können nun mitteilen, ob sie weggefahren sind, aber noch ein Paket erwarten, ob jemand Blumen gießt oder ein Ei leihen kann. Angebote von „Wildfremden“ „Ich habe den Glauben an die Menschheit wiedererlangt“, sagt Constanze Schuhricht, die in Berlin-Schönow vom Stromausfall betroffen war. „Eine wildfremde Frau hat mir über Instagram eine Unterkunft angeboten.“ Mit ihren zwei Hunden und zwei Katzen zieht sie vorübergehend zu ihrem Partner und muss das Gästezimmer nicht in Anspruch nehmen. „Aber dass es so uneigennützige Menschen gibt, hat mir Hoffnung gemacht.“ Am wichtigsten ist für sie allerdings, dass ihr Gecko, der eine Wärmelampe braucht, versorgt wird. Selbst dafür findet sich eine Lösung: Bis dahin nur flüchtige Bekannte melden sich und bringen einen Akku vorbei. Auch aus Brandenburg kommt Unterstützung, denn das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering liegt ganz in der Nähe der einstigen Westberliner Exklaven Steinstücken und Kohlhasenbrück. Am Montag öffnet das Institut sein Hauptgebäude, damit sich Betroffene aufwärmen oder online arbeiten können. Es kommen circa 30 Personen, die den Strom, Getränkeausschank und sogar Duschen nutzen. Studierende und Mitarbeitende laufen durch die Nachbarschaft und verteilen Flyer mit der Einladung. „Wir haben das sehr gerne gemacht und sehen es als eine Selbstverständlichkeit an“, sagt der Dekan und HPI-Geschäftsführer Prof. Dr. Tobias Friedrich. „Wir wollen mit unserem Institut durch Wissenschaft, Forschung und Lehre einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Aus der Belegschaft kam rasch der Impuls, dass wir in einer solchen Situation auch unsere direkte Nachbarschaft unterstützen wollen, wenn sie Hilfe benötigt.“ Praktische Hilfe für Schwerhörige Claudia Schulze aus Berlin-Zehlendorf teilt eine sehr persönliche Erfahrung: Als Hörgeräteträgerin muss sie die Akkus der kleinen Hörhilfen wie ein Handy alle 24 Stunden aufladen. „Ich war sehr erfreut, dass bei Edeka ein Zettel hing, der explizit dazu einlud. Man bekam auch Kaffee oder Tee angeboten.“ Sie berichtet, dass Hilfswerke am Mexikoplatz. © Christiane Theobald (4) FOKUS 15 dbb magazin | März 2026
Schwerhörigkeit für manche noch ein Tabu sei und sich gerade Spät-Schwerhörige ungern outen würden. Dementsprechend sei die Gesellschaft nicht sehr sensibilisiert für das Thema, aber der Supermarkt habe da mitgedacht. Die Marktleiterin Maureen Colombino freut sich: „Meine Oma hat auch ein Hörgerät, deshalb war es für uns selbstverständlich und das Angebot wurde auch genutzt.“ „In guten wie in schlechten Zeiten sind wir füreinander da“, schreibt sie auf ihrem Aushang. Die Nachbarschaft sei sehr dankbar gewesen und habe mit vielen netten Zuschriften und Gesprächen gedankt. „Wir konnten ein Notstromaggregat vom freien Markt ergattern“, erzählt sie, „dennoch sind Lebensmittel im Wert von 40 000 Euro Einkaufspreis kaputtgegangen.“ Abends ließ sie die Außenbeleuchtung an, damit die Leute auf dem Bürgersteig etwas sehen konnten. „Das war die schlimmste Woche im Einzelhandel seit meiner Ausbildung 2003. Dagegen war Corona noch elegant!“ Ihre ältere Kundschaft habe Angst gehabt, zu Hause allein zu sein, denn nicht ohne Grund wurden im Einfamilienhausviertel nächtliche Einbruchsversuche erwartet. „Da war einfach das Licht aus und keiner mehr da. Bei manchen kamen Erinnerungen an die Nachkriegszeit hoch.“ Der Diplom-Psychologe Michael Postzich wohnt und arbeitet in der Straße. Sein beruflicher Schwerpunkt liegt bei Resilienz, Achtsamkeit und Mitgefühl: „Ich will nicht übertreiben. Es war nicht die Apokalypse. Aber einfach war es nicht. Und doch war eines bemerkenswert: Mitgefühl unter Menschen schlägt alles andere.“ Er habe selten so viele gesprächs-, vor allem aber hilfsbereite Menschen getroffen wie während des Strom- und Heizungsbreakdown. Sie hätten alles geteilt: Getränke, Sandwiches, aber auch vieles aus ihrem Leben. „Mitgefühl macht nicht nur andere glücklich – sondern auch uns selbst“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. „Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis: Mitgefühl ist keine selbstlose Aufopferung, sondern zahlt direkt auf unser eigenes Wohlbefinden ein.“ Der Notstand aktiviert das Gute Auch wenn man gut in die Community eingebunden ist, lernt man die anderen noch besser kennen – so wie Gaby Reimann aus dem Zehlendorfer Chor „Joyful Noise“: „Liebe, bodenständige Menschen, die sonst stiller sind und eher bescheiden auftreten, haben direkt Angebote für freie Zimmer gemacht und ihren Kamin zum Aufwärmen angeboten“, sagt sie. Sabrina Schwinger findet, dass in der Krise sichtbar wurde, dass Hilfsbereitschaft und Solidarität oftmals als stille Ressourcen in der Nachbarschaft und der Gesellschaft existieren. Ihre Familie mit zwei Kleinkindern konnte die Nachmittage abwechselnd bei Bekannten verbringen und bekam dort auch ein warmes Abendessen serviert. In der Kita wurden Kerzen gesammelt und ein Busfahrer nahm Fahrgäste, die in das betroffene Gebiet wollten, spontan kostenlos mit. Sie sagt: „Im Alltag neigen wir dazu, negative Erlebnisse überzugewichten. Es braucht offenbar einen Auslöser, damit wir unsere Mitmenschen insgesamt wieder positiver wahrnehmen.“ Gabriele Spiller Zur Not eben so: Lesen im Dunkeln. Anschlagsort: die Kabelbrücke zum Kraftwerk Lichterfelde am Teltowkanal. 16 FOKUS dbb magazin | März 2026
KRITIS-Dachgesetz „Sicherheit ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“ Cyberangriffe auf Kommunen nehmen zu. Der Bundestag verabschiedet ein Gesetz, das die kritische Infrastruktur vor Cyberattacken schützen soll, lässt die Kommunen aber außen vor. Wie konnte es dazu kommen? Die Geschichte begann am 11. September 2025 in Berlin. Dort beriet der Bundestag zum ersten Mal über einen Gesetzesentwurf zur Umsetzung der europäischen NIS2-Richtlinie. NIS2 sieht für alle Mitgliedstaaten vor, nationale Cybersicherheitsstrategien festzulegen. Die vorausgegangene Richtlinie deckte unter anderem Energie, Verkehr, Gesundheitswesen und digitale Infrastruktur ab. Jetzt soll neben anderen Sektoren auch die öffentliche Verwaltung unter den Schutzschirm kommen, um die Cybersicherheit der kritischen Infrastruktur (KRITIS) in Deutschland auf eine neue Stufe zu heben. In der Debatte im Bundestag waren sich alle Parteien einig, dass ein Gesetz zur Stärkung der KRITIS-Cybersicherheit zwar dringend notwendig sei, machten aber auf die Schwachstellen aufmerksam. So kritisierten Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke, der Entwurf der Bundesregierung gehe nicht weit genug und müsse auch die Verwaltung in Bund, Ländern und Kommunen unter Schutz stellen. Achillesferse Kommunen In der anschließenden Anhörung im Innenausschuss schlossen sich die Expertinnen und Experten der Kritik an und forderten, die nachgeordneten Behörden und Kommunen in den Schutz einzubeziehen. Unter ihnen Sabine Griebsch, die mit ihrem Unternehmen GovThings Kommunen bei der Cybersicherheit berät und beim Krisenmanagement unterstützt. Griebsch erklärt gegenüber dem dbb magazin, warum die Kommunen dringend mitgenommen werden müssen: „Sie erbringen eine Vielzahl zentraler Dienstleistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge und sind somit ein wesentlicher Bestandteil kritischer staatlicher Strukturen.“ Vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedrohungslage im Cyberraum sei es notwendig, sie verbindlichen Mindestanforderungen der Cyber- und Informationssicherheit zu unterstellen. „Andernfalls entstehen systematische Sicherheitslücken und ein uneinheitliches Schutzniveau, da die Standards, Maßnahmen und Ressourcen je nach Kommune stark variieren“, warnt Griebsch. „In hoch vernetzten Strukturen ist die Sicherheit immer nur so stark wie das schwächste Glied.“ In der zweiten Lesung am 13. November 2025 deutete der neue Name des Entwurfs, „Gesetz zur Umsetzung der NIS-2-Richtlinie und zur Regelung wesentlicher Grundzüge des Informationssicherheitsmanagements in der Bundesverwaltung“, auf Verbesserungen hin. Tatsächlich bezog der Entwurf die nachgeordneten Behörden nun mit ein, die Kritik im Innenausschuss hatte zumindest in Teilen Wirkung gezeigt. Vom Schutz für die Kommunen fehlt allerdings weiterhin jede Spur. Ein unbeabsichtigter Kassandraruf Damit lag der Ball Anfang Dezember wieder im Spielfeld des Innenausschusses. Dieses Mal waren die Kritikpunkte der Anhörung viel- © Erdacht mit KI, OpenAI Sora (2) ONLINE FOKUS 17 dbb magazin | März 2026
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