dbb magazin 6/2017 - page 15

Wir bejahen dazu auch Chan­
cen wie Pflichten zu erforder­
lichen Qualifikationen.“
Gleichzeitig sieht der dbb aber
auch die mit einer umfassen­
den Digitalisierung der Gesell­
schaft verbundenen Gefahren
für Bürger und Beschäftigte:
„Mit Sorge blicken wir zum Bei­
spiel auf den Verlust sozialer
Kontaktebenen durch anony­
misierte Arbeitsplätze, auf die
Verdrängung von Festangestell­
ten durch ‚digitale Tagelöhner‘
oder die Entwertung klassischer
Aufgabenfelder im Zuge einer
immer stärker um sich greifen­
den Digitalisierung und Auto­
matisierung der Abläufe. Über
diese negativen Aspekte müs­
sen wir immer wieder mit der
Bundesregierung sprechen.“
<<
Kollege Roboter
übernimmt den Job
Unter diesen Aspekten be­
trachtet verlangt die Digitali­
sierung der Arbeitswelt nicht
nur stetiges Reagieren auf Ver­
änderung, sondern ebenso ste­
tiges Korrigieren von Entwick­
lungen, damit sich der Mensch
am Ende nicht selbst abschafft.
Während die vorangegange­
nen industriellen Revolutionen
in ihrer Bilanz jeweils mit ei­
nem Plus an Konjunktur und
damit einem Plus an Arbeit ge­
glänzt haben, könnte das bei
der vierten industriellen Revo­
lution anders sein. Britische
Ökonomen wie Carl Benedikt
Frey und Michael Osborne von
der University of Oxford be­
fürchten zum Beispiel, dass in
naher Zukunft jeder zweite
amerikanische Job ersetzbar
wird. Und das betrifft ihrer Stu­
die „The Future of Employ­
ment“ zurfolge bei Weitem
nicht nur einfache Arbeiten,
sondern zunehmend auch hö­
her qualifizierte Jobs.
Ähnliche Szenarien prognosti­
zierte die Unternehmensbera­
tum A.T. Kearny Ende 2015 für
Deutschland: 45 Prozent der
heutigen Jobs seien durch Ro­
boter bedroht: „Die Arbeitslo­
senzahlen sind zwar so niedrig
wie seit Jahrzehnten nicht
mehr, doch Grund, sich zurück­
zulehnen, besteht angesichts
der rasant fortschreitenden
Automatisierung nicht“, sagte
Dr. Martin Sonnenschein, Part­
ner und Europachef bei A.T.
Kearney. „In 20 Jahren wird
fast die Hälfte der heutigen
Arbeitsplätze in Deutschland
durch Roboter ersetzt werden,
die die Jobs effizienter erledi­
gen können. Das fordert uns
viel Veränderungsbereitschaft
und Flexibilität ab. Wer sie auf­
bringt, kann von diesem drasti­
schen Wandel aber auch profi­
tieren – als Arbeitnehmer und
als Arbeitgeber.“
Im Rahmen ihrer Gesellschafts­
initiative „Deutschland 2064
– die Welt unserer Kinder“ hat
die Unternehmensberatung
untersucht, welchen Einfluss
Roboter und Automatisierung
zukünftig auf unsere Arbeits­
welt haben werden. Die Be­
rechnungen, die A.T. Kearney in
Anlehnung an die Forschungs­
arbeiten der Oxford-Professo­
ren Frey und Osborne für den
deutschen Arbeitsmarkt durch­
geführt hat, bestimmen, wie
wahrscheinlich die Automati­
sierung in rund 1 300 Berufen
ist. Das Ergebnis: In der Bun­
desrepublik weisen über 300
und damit ein Viertel aller Job­
profile ein hohes Automatisie­
rungsrisiko in den nächsten
beiden Jahrzehnten auf. Der
mögliche Effekt für den Ar­
beitsmarkt ist drastisch, weil
in diesen Bereichen 17,2 Mil­
lionen Männer und Frauen
beschäftigt sind – das sind
45 Prozent aller Beschäftigten.
Allerdings entfällt auch ein
Beruf mit hoher Automatisie­
rungswahrscheinlichkeit nicht
zwangsläufig vollständig.
<<
Büro: papier- und bald
auch menschenlos?
Zu den zehn topgefährdeten
Berufen in Deutschland gehö­
ren Büro- und Sekretariatstä­
tigkeiten, Berufe in Verkauf
und Gastronomie oder kauf­
männischer und technischer
Betriebswirtschaft. Auch Kö­
che und Bankkaufleute sind
bedroht. Die „Top 10“ der nicht
bedrohten Berufe betreffen
dagegen vor allem Branchen,
in denen Empathie oder emo­
tionale Intelligenz gefordert
sind: So in der Pflege, Erzie­
hung und Sozialarbeit oder
auch bei Führungsaufgaben
und in Forschung und Lehre.
Auch viele MINT-Berufe gelten
als Roboter-resistent.
„Es macht keinen Sinn, rasant
sich wandelnden Jobprofilen
nachzutrauern“, so Dr. Volker
Lang, verantwortlich für die
Studie „Wie werden wir mor­
gen leben?“ und Partner bei
A.T. Kearney. „Bei der Einfüh­
rung der Eisenbahn hieß es,
jetzt seien Kutscher und
Droschkenfahrer bedroht.
Doch tatsächlich haben tech­
nologische Innovationen und
Strukturwandel bisher auch
neue Jobs und Wohlstand mit
sich gebracht. So wird auch die
fortschreitende Automatisie­
rung neue Optionen eröffnen,
die zu neuen Tätigkeitsfeldern
mit Wachstumspotenzial füh­
ren werden.“
Trotzdem werde der Einzug
von Robotern große Teile unse­
rer Arbeitswelt auf den Kopf
stellen, betont Sonnenschein.
„Das betrifft nicht nur die ge­
fährdeten Jobs, sondern alle
Arbeitsbereiche. Wir können
abwarten und uns von der Au­
tomatisierung überrollen las­
sen. Oder wir können uns mit
Mut zu Wandel und Verände­
rung darauf einlassen – und
flexibel und neugierig nach
den neuen Möglichkeiten su­
chen, die sich daraus ergeben.“
Für den öffentlichen Dienst
dürfte das vor allem bedeuten,
schneller zu werden in seinen
Reaktionen auf Veränderungen
in der Arbeitswelt. Dass dazu
auch politische Strukturen
überprüft werden müssen, liegt
ebenfalls auf der Hand. So sorgt
zum Beispiel der Föderalismus
nicht nur für Ungemach bezüg­
lich von Bundesland zu Bundes­
land zum Teil stark differieren­
der Bezahlungs- und Beschäfti-
gungsbedingungen. Er könnte
sich auch immer mehr als
Hemmschuh für Innovationen
der Arbeitswelt entpuppen,
wenn es zum Beispiel darum
geht, IT-Systeme bundesweit
zu vereinheitlichen oder digi­
tale Verwaltungsprozesse
zwischen den Ländern zu
synchronisieren.
iba, br
<<
Macht sich der Mensch mit der Industrie 4.0 überflüssig?
© Mimi Potter / Fotolia
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