dbb magazin 6/2017 - page 14

machbar sein – aber nicht al­
les, was machbar ist, macht
auch Sinn. Darauf weist auch
die dbb jugend immer wieder
hin. Vorsitzende Sandra Kothe:
„Die Beschäftigten im öffent­
lichen Dienst sind nicht rück­
ständig, im Gegenteil: Sie sind
doch die ersten, die sich ange­
sichts der massiven Arbeitsver­
dichtung über technische Ent­
lastung freuen würden. Aber
die muss erstens auch wirklich
funktionieren und zweitens
jeweils Sinn und Zweck erfül­
len. Wenn das hauseigene IT-
System zu jedem Quartals­
wechsel verlässlich abstürzt,
ist niemandem geholfen. Und
nein: Wir wollen gar keine
komplett menschenleere Ver­
waltung, wir arbeiten mit und
für Menschen. Der Staat muss
ein Gesicht haben, muss greif­
bar sein und in der Lage, situa­
tionsgerecht zu kommunizie­
ren. Öffentlichen Dienst vom
Band wird es also immer nur
punktuell geben können“, sag­
te Kothe imMai 2017.
<<
Flexibel, nicht
grenzenlos
Überlegungen, die auch der
stellvertretende dbb Bundes­
vorsitzende und Bundesvorsit­
zende der komba gewerkschaft,
Ulrich Silberbach, teilt: „Den
Wunsch nach mehr
Freiheit bei der
Gestaltung der
Arbeitswelt
teilen vie­
le Be­
schäftigte und Arbeitgeber.
Aber es muss auch künftig klar
sein: Flexibel heißt nicht gren­
zenlos. Gesetzliche Mindest­
standards etwa bei der Arbeits­
zeit können nur gelockert
werden, wenn starke Perso­
nalvertretungen und Gewerk­
schaften die neuen Freiräume
gestalten“, das gelte auch für
die Digitalisierung der Arbeits­
welt, stellt Silberbach klar.
Zwar gäbe es einen stärker
werdenden Wettbewerb um
Personal in vielen Bereichen,
wodurch Arbeitgeber dort ein
Eigeninteresse an guten Ar­
beitsbedingungen hätten. Dies
gelte aber längst nicht für alle
Branchen und Unternehmen.
UmMissbrauch auszuschließen,
sei die Ankündigung von Bun­
desarbeitsministerin Andrea
Nahles zu begrüßen, ein zwei­
jähriges Pilotprojekt für flexib­
lere gesetzliche Arbeitszeiten
an eine wissenschaftliche Be­
gleitung und eine tarifvertrag­
liche Absicherung zu koppeln.
Nahles hatte dies im November
2016 anlässlich der Präsentati­
on des Weißbuchs „Arbeiten
4.0“ angeregt. Silberbach: „Es
ist richtig: In der modernen
Welt erscheinen die Arbeitsge­
setze manchmal wie ein grob­
schlächtiger Säbel. Tarifverträge
sind dagegen eher ein eleganter
Degen. Aber
auch damit
kann
man
die
Interessen der Beschäftigten
gut verteidigen.“
Silberbach warnte gleichzeitig
davor, zu große Erwartungen
an die Digitalisierung und Mo­
dernisierung der Arbeitswelt
zu wecken: „Die Debatte ist an
vielen Stellen zu weit weg von
der Lebenswirklichkeit, wenn
es zum Beispiel ummobiles Ar­
beiten geht. Gerade bei uns im
öffentlichen Dienst sind wir
nah dran am Bürger, müssen
wir rund um die Uhr verfügbar
sein. Wenn ein Notruf kommt,
müssen Polizei und Rettungs­
kräfte da sein. In den Bürger­
ämtern und Verwaltungen
wollen wir auf persönliche Be­
treuung und feste Öffnungs­
zeiten nicht verzichten. Auch
auf Schulen und Kitas müssen
sich die Bürger verlassen kön­
nen. Wenn wir auch in diesen
Bereichen etwa für die bessere
Vereinbarkeit von Beruf und
Familie sorgen wollen, müssen
wir nicht zuerst über Arbeits­
zeit und Mobilität reden, son­
dern über eine bessere Perso­
nalausstattung.“
Bereits im November 2015 hat­
te der dbb einen Dialogbeitrag
zum Grünbuch „Arbeiten 4.0“
des Bundesministeriums für Ar­
beit und Soziales (BMAS) einge­
reicht. Darin werden die aus
Sicht des gewerkschaftlichen
Dachverbandes wichtigsten
Ziele für die Arbeitswelt der Zu­
kunft skizziert: Von zentraler
Bedeutung ist dabei, dass auch
in der Arbeitsgesellschaft von
morgen der Mensch imMittel­
punkt steht. So sollen die durch
die Digitalisierung entstehen­
den Möglichkeiten vor­
nehmlich genutzt
werden, um Be­
schäfti­
gungsbedingungen zu verbes­
sern. In diesem Sinne gestaltet
der gewerkschaftliche Dachver­
band den Dialog über die dafür
notwendigen gesetzgeberi­
schen Maßnahmen als Sozial­
partner aktiv mit. So sollen
etwa flexiblere Arbeitszeitmo­
delle mit einer zufriedenstellen­
den Work-Life-Balance und der
Ausbau der das Arbeitsleben
begleitenden Qualifizierungs­
maßnahmen forciert und
gleichzeitig die soziale Sicher­
heit inklusive eines angemesse­
nen Lohnniveaus sowie die Mit­
bestimmung gestärkt werden.
Diesen Anspruch hat dbb Chef
Klaus Dauderstädt unter ande­
rem, weil bei den Auswirkun­
gen der Digitalisierung auf Ar­
beitswelt und Qualifizierung
der öffentliche Dienst zwangs­
läufig schnell in den Fokus
rückt: „Die Zukunftsfähigkeit
des Standorts Deutschland
setzt eine moderne Infrastruk­
tur voraus. Dazu gehört auch
ein öffentlicher Dienst, der mit
der digitalen Entwicklung
Schritt hält und die diesbezüg­
lichen Erwartungen der Bürger
und der Wirtschaft gleicher­
maßen erfüllen kann.“
Die Bundesregierung, so Dau­
derstädt, habe mit Projekten
wie der Demografiestrategie,
dem Programm „Digitale Ver­
waltung“ oder dem Grünbuch
„Arbeiten 4.0“ gute Ansätze
geliefert, die der dbb konstruk­
tiv und kritisch begleite: „Wir
nutzen dafür als Gewerkschaft
unsere Gestaltungskompeten­
zen in Tarifverträgen und über
Personal- und Betriebsräte in
Vereinbarungen mit den Ar­
beitgebern, um zeitgerechte
Modelle für Arbeitszeiten und
Arbeitsformen ebenso wie
zum Familie-Berufs-Span­
nungsfeld anzubieten.
<<
... und 3.0 Computer und
Robotik haben für Aufschwung
und Wohlstand gesorgt.
© Nataliya Hora / Fotolia
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