dbb magazin 6/2017 - page 13

sondern auch kommunizieren­
de „Dinge“: Die Jalousien da­
heim können vom Strand auf
Mallorca aus ferngesteuert
werden, ebenso Heizung, Kühl­
schrank und Kaffeemaschine ...
Die Technologien, die den digi­
talen Strukturwandel voran­
treiben, entwickeln sich rasant
weiter. Immer öfter werden wir
Zeugen sogenannter „Tipping
Points“ in dieser Entwicklung:
An diesen Umschlagpunkten
ist der Durchbruch in Sachen
Robotik, Sensorik oder künstli­
che Intelligenz ganz plötzlich
geschafft – etwa bei selbstfah­
renden Autos, komplexen Pro­
dukten aus dem 3-D-Drucker
sowie Robotern, die hochwerti­
ge Dienstleistungen wie die ei­
nes Apothekers vollkommen
autonom ausführen.
Die Globalisierung tut ihr
Übriges, um all diese Prozesse
massiv zu beschleunigen: Der
grenzüberschreitende Handel
ist seit Jahrzehnten Alltag, Wa­
ren-, Transport- und Buchhal­
tungslogistik werden längst
automatisiert und papierlos
abgewickelt. Auch die Verbrau­
cher orientieren sich weltweit
– dank Internet ist ein Online­
einkauf mittlerweile rund um
den Globus möglich. Das glo­
balisierte Angebot-und-Nach­
frage-Modell zwingt die Wett­
bewerber zu ständigen Opti-
mierungen und Verbesserun­
gen bei Waren und Vertrieb.
<<
Gesellschaftlicher
Wandel
Zu den technischen und wirt­
schaftlichen Treibern, die die
Arbeitswelt von heute und
morgen zunehmend prägen,
gesellen sich demografischer
und gesellschaftlicher Wandel.
Weil es deutlich mehr ältere
Menschen gibt – Ende der
2020er-Jahre wird in Deutsch­
land fast ein Fünftel der Bevöl­
kerung im erwerbsfähigen Al­
ter zur Gruppe der 60- bis unter
67-Jährigen gehören –, gestal­
tet sich das Arbeitskräfteange­
bot zwangsläufig erkennbar
anders. Es zeichnen sich bereits
immer größer werdende Eng­
pässe in einzelnen Berufen und
Regionen bei der Gewinnung
von Fachkräften ab, die „Men­
power“ wird knapp. Einherge­
hend mit demWandel von
Wirtschaft und Gesellschaft
verändern sich auch Lebenssti­
le und Werte. Wichtige Stich­
worte hierfür sind Individuali­
sierung, veränderte Idealbilder
des familiären und gesell­
schaftlichen Zusammenlebens,
Pluralisierung der Lebensent­
würfe und der Ansprüche an
Arbeit sowie neue Konsumhal­
tungen. Die Vereinbarkeit von
Familie und Beruf wird den zu­
nehmend umworbenen Arbeit­
nehmern immer wichtiger, und
entsprechende Arbeitsplatzan­
gebote suchen sie.
<<
Nachzügler
öffentlicher Dienst
Auch vor Deutschlands größ­
tem Arbeitgeber, dem öffentli­
chen Dienst, macht die 4. In­
dustrielle Revolution nicht halt.
Oder etwa doch? Während In­
dustrie, Handwerk und die pri­
vatwirtschaftlich organisierte
Dienstleistungsbranche mit
Sieben-Meilen-Stiefeln Rich­
tung neue Arbeitswelt schrei­
ten, hinkt der Staat hinterher
und wartet auf den digitalen
Aufschwung. „Die Ausstattung
der Informations- und Tele­
kommunikationstechnik lässt
sowohl im Bereich der Hard­
ware als auch der Software in
sehr vielen Bereichen des öf­
fentlichen Dienstes sehr zu
wünschen übrig“, heißt es in
einem aktuellen Antrag an den
Bundesjugendtag des dbb.
Nicht nur in der allgemeinen
Verwaltung hakt es also mit
dem „E-Government“, allent­
halben ist von „Un-Möglichkei­
ten“ die Rede – ob es um den
Digitalfunk bei den Polizeien
des Bundes und der Länder
geht, die zeitgemäße Digital­
ausstattung der Schulen oder
Datenaustausch und -abgleich
über verschiedene Verwal­
tungs- und Ländergrenzen hin­
weg. In ihrem Regierungspro­
gramm „Digitale Verwaltung
2020“ bekennt sich die Bundes­
regierung zwar zum „Innova­
tiven Staat“ – die „digitale
Transformation der öffentli­
chen Verwaltung“. Man wolle
für die Bürger die digitalen
Dienstleistungsangebote ein­
fach und effektiv anbieten, Ef­
fektivität und Sicherheit der In­
formationstechnik des Bundes
langfristig sichern. „Für die vor
uns liegenden Aufgaben müs­
sen wir unsere Kräfte über die
verschiedenen Ebenen des
Staates und der Verwaltung
hinweg bündeln. Wir wollen
daher die Zusammenarbeit im
IT-Planungsrat intensivieren
und laden Länder und Kommu­
nen dazu ein, die öffentliche
Verwaltung auf allen Ebenen
zukunftsfähig zu machen“,
heißt es. Doch diese Absichts­
erklärungen kommen den Be­
schäftigten des öffentlichen
Dienstes bereits seit den
1990er-Jahren nur allzu be­
kannt vor, als das Mantra noch
„Verwaltungsmodernisierung“
lautete: Entscheidend ist, was
vor Ort ankommt und umsetz­
bar ist – alles andere zählt
nicht. Und aktuell befindet sich
Deutschland im EU-Ranking
der 28 Mitgliedstaaten zum
Grad der Digitalisierung auf
Platz 19 – hinter Italien und vor
Zypern, es bleibt also einiges
zu tun im „modernen Staat“.
<<
Digitale Transformation
polarisiert
Chancen und Risiken sieht San­
dra Kothe, bis Mitte Mai 2017
Vorsitzende der dbb jugend,
mit Blick auf „Arbeit 4.0“ im
öffentlichen Dienst: „Viele Be­
schäftigte haben den Wunsch
nach mehr Freiheit bei Arbeits­
zeit und Arbeitsort. Es braucht
aber klare Regeln, um die Be­
schäftigten vor Selbstausbeu­
tung zu schützen.“
Erkennbar ist derzeit gleich­
wohl vor allem eines: Die digi­
tale Transformation und ihre
Auswirkungen auf die Arbeits­
welt polarisieren. Und zwar in
hohemMaße. Für die einen ist
die digitale Zukunft Verhei­
ßung und Lebensgefühl, für die
anderen bedeutet sie Unsicher­
heit, oft sogar Angst. Während
die einen die enormen Chan­
cen der Digitalisierung für
Wirtschaft und Beschäftigung
sehen, sorgen sich die anderen
um Arbeitsplatz- und Qualifi­
kationsverlust, Arbeitsverdich­
tung und Entgrenzung. Und in
bestimmten Branchen, die
Dienst direkt amMenschen
leisten, stoßen Digitalisierung
und Automatisierung zwangs­
läufig an ihre Grenzen – insbe­
sondere in vielen Bereichen
des öffentlichen Dienstes:
Telearbeit für Krankenpfleger
und Lehrer? Löschdrohnen an­
stelle von Feuerwehrbeamten?
Roboter in Kitas und Bürger­
ämtern? Technisch mag vieles
<<
... 2.0 Elektrifizierung....
© spuno / Fotolia
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