Frauenförderung im öffentlichen Dienst

Kritik an schlechterer Beurteilung wegen Familienzeit

„Frauenförderung im öffentlichen Dienst muss auf ein neues Fundament gestellt werden. Die Notwendigkeit dafür und die Komplexität des Themas auch in seinen legislativen Zuständigkeiten hat gerade die jüngste Entwicklung in Nordrhein-Westfalen gezeigt.“ Mit diesem Appell haben dbb und dbb bundesfrauenvertretung die gemeinsame Forderung nach einem diskriminierungsfreien Beurteilungssystem im öffentlichen Dienst erneuert: Der Einsatz von Beschäftigten des öffentlichen Dienstes für ihre Familie darf keine negativen Folgen für die individuelle dienstliche Beurteilung haben.

„Wer sich für seine Familie Zeit nimmt und die Arbeit reduziert oder gar unterbricht, muss im öffentlichen Dienst mit schlechteren Noten bei der dienstlichen Beurteilung rechnen. Das ist nicht tragbar, zumal es vor allem die Frauen trifft, die im Beruf deutlich häufiger als ihre männlichen Kollegen zugunsten der Familie kürzertreten. Familienzeit darf sich nicht negativ auf die Bewertung der Arbeitsleistung auswirken“, machte dbb Bundesvorsitzender Klaus Dauderstädt auf der Frühjahrssitzung der dbb Frauen in Königswinter am 10. März 2017 deutlich. „Wenn wir über Vereinbarkeit von Familie und Beruf reden, dann ist auch das Beurteilungssystem ein Thema, das in die Überlegungen und Maßnahmen einbezogen werden muss.“

 

Bereits eine durchschnittliche Beurteilung in frühen Dienstjahren könne die Tür zur Führungsetage endgültig zuschlagen, betonte Helene Wildfeuer, Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung. „Mit Mitte 40 wissen viele Beamtinnen: Viel mehr als das, was sie bisher erreicht haben, können sie von ihrem Berufsleben nicht erwarten – obwohl noch mindestens 20 Dienstjahre vor ihnen liegen. Auch die Höhe der Altersbezüge ist damit besiegelt. Sie sind verdonnert zu ‚lebenslänglich zweitrangig‘“, kritisierte Wildfeuer. Das sei für die Betroffenen nicht nur diskriminierend, sondern auch demotivierend.

 

Der Frage, wie ein gendergerechtes und diskriminierungsfreies Beurteilungssystem im öffentlichen Dienst aussehen kann, wollen dbb und dbb bundesfrauenvertretung in einer breiten und offen geführten Debatte nachgehen. „Auf der Frauenpolitischen Fachtagung am 11. Mai 2017 im dbb forum berlin werden wir mit Entscheidungsträgerinnen und -trägern aus Politik und Verwaltung in den Dialog treten und Lösungsansätze formulieren. Insbesondere mit Blick auf die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltungen müssen wir den Diskurs über eine gendergerechte Leistungskultur führen – und das besser heute als morgen“, so Wildfeuer.

 

Schließlich ergäben sich aus verpassten beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten aufgrund von familiären Auszeiten und längeren Teilzeitphasen auch monetäre Nachteile. Diese könnten Frauen innerhalb ihres Erwerbslebens nicht ausgleichen, gab Wildfeuer zu bedenken. In ihrer Aussage stützte sich die Vorsitzende auf die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), die den Gender Lifetime Earnings Gap, sprich die Verdienstunterschiede von Frauen und Männern über den gesamten Lebensverlauf untersucht. Danach sammelten Frauen im Erwerbsverlauf durchschnittlich 49,8 Prozent weniger Einkommen an als Männer. Der Gender Pay Gap sei eine Momentaufnahme der Verdienstunterschiede und stelle nur eine Komponente der Ungleichheit im Verdienst dar. Sich allein auf diese zu fokussieren hieße, die Ungleichheit, die sich über das gesamte Erwerbsleben ergebe, zu unterschätzen. Insbesondere der nachteilige Einfluss von Teilzeitarbeit auf die Einkommensentwicklung müsse viel stärker in den Fokus der Debatte um die Verdienstunterschiede gerückt werden, stellte Dr. Christina Boll, Forschungsdirektorin am HWWI heraus. Sie hatte die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstütze Studie auf der Sitzung der Hauptversammlung vorgestellt.

 

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